{"id":2619,"date":"2024-12-03T08:35:34","date_gmt":"2024-12-03T07:35:34","guid":{"rendered":"https:\/\/www.zist.de\/blog\/?p=2619"},"modified":"2025-05-16T11:49:33","modified_gmt":"2025-05-16T09:49:33","slug":"wachstum-ins-undenkbare","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.zist.de\/blog\/2024\/12\/03\/wachstum-ins-undenkbare\/","title":{"rendered":"WACHSTUM INS UNDENKBARE"},"content":{"rendered":"<div class=\"shariff shariff-align-left shariff-widget-align-left\"><div class=\"ShariffHeadline\">Diesen Beitrag teilen <\/div><ul class=\"shariff-buttons theme-round orientation-horizontal buttonsize-large\"><li class=\"shariff-button whatsapp shariff-nocustomcolor\" style=\"background-color:#5cbe4a\"><a href=\"https:\/\/api.whatsapp.com\/send?text=https%3A%2F%2Fwww.zist.de%2Fblog%2F2024%2F12%2F03%2Fwachstum-ins-undenkbare%2F%20WACHSTUM%20INS%20UNDENKBARE\" title=\"Bei Whatsapp teilen\" aria-label=\"Bei Whatsapp teilen\" role=\"button\" rel=\"noopener nofollow\" class=\"shariff-link\" style=\"; background-color:#34af23; color:#fff\" target=\"_blank\"><span class=\"shariff-icon\" style=\"\"><svg width=\"32px\" height=\"20px\" xmlns=\"http:\/\/www.w3.org\/2000\/svg\" viewBox=\"0 0 32 32\"><path fill=\"#34af23\" d=\"M17.6 17.4q0.2 0 1.7 0.8t1.6 0.9q0 0.1 0 0.3 0 0.6-0.3 1.4-0.3 0.7-1.3 1.2t-1.8 0.5q-1 0-3.4-1.1-1.7-0.8-3-2.1t-2.6-3.3q-1.3-1.9-1.3-3.5v-0.1q0.1-1.6 1.3-2.8 0.4-0.4 0.9-0.4 0.1 0 0.3 0t0.3 0q0.3 0 0.5 0.1t0.3 0.5q0.1 0.4 0.6 1.6t0.4 1.3q0 0.4-0.6 1t-0.6 0.8q0 0.1 0.1 0.3 0.6 1.3 1.8 2.4 1 0.9 2.7 1.8 0.2 0.1 0.4 0.1 0.3 0 1-0.9t0.9-0.9zM14 26.9q2.3 0 4.3-0.9t3.6-2.4 2.4-3.6 0.9-4.3-0.9-4.3-2.4-3.6-3.6-2.4-4.3-0.9-4.3 0.9-3.6 2.4-2.4 3.6-0.9 4.3q0 3.6 2.1 6.6l-1.4 4.2 4.3-1.4q2.8 1.9 6.2 1.9zM14 2.2q2.7 0 5.2 1.1t4.3 2.9 2.9 4.3 1.1 5.2-1.1 5.2-2.9 4.3-4.3 2.9-5.2 1.1q-3.5 0-6.5-1.7l-7.4 2.4 2.4-7.2q-1.9-3.2-1.9-6.9 0-2.7 1.1-5.2t2.9-4.3 4.3-2.9 5.2-1.1z\"\/><\/svg><\/span><\/a><\/li><li class=\"shariff-button facebook shariff-nocustomcolor\" style=\"background-color:#4273c8\"><a href=\"https:\/\/www.facebook.com\/sharer\/sharer.php?u=https%3A%2F%2Fwww.zist.de%2Fblog%2F2024%2F12%2F03%2Fwachstum-ins-undenkbare%2F\" title=\"Bei Facebook teilen\" aria-label=\"Bei Facebook teilen\" role=\"button\" rel=\"nofollow\" class=\"shariff-link\" style=\"; background-color:#3b5998; color:#fff\" target=\"_blank\"><span class=\"shariff-icon\" style=\"\"><svg width=\"32px\" height=\"20px\" xmlns=\"http:\/\/www.w3.org\/2000\/svg\" viewBox=\"0 0 18 32\"><path fill=\"#3b5998\" d=\"M17.1 0.2v4.7h-2.8q-1.5 0-2.1 0.6t-0.5 1.9v3.4h5.2l-0.7 5.3h-4.5v13.6h-5.5v-13.6h-4.5v-5.3h4.5v-3.9q0-3.3 1.9-5.2t5-1.8q2.6 0 4.1 0.2z\"\/><\/svg><\/span><\/a><\/li><li class=\"shariff-button mailto shariff-nocustomcolor\" style=\"background-color:#a8a8a8\"><a href=\"mailto:?body=https%3A%2F%2Fwww.zist.de%2Fblog%2F2024%2F12%2F03%2Fwachstum-ins-undenkbare%2F&subject=WACHSTUM%20INS%20UNDENKBARE\" title=\"Per E-Mail versenden\" aria-label=\"Per E-Mail versenden\" role=\"button\" rel=\"noopener nofollow\" class=\"shariff-link\" style=\"; background-color:#999; color:#fff\"><span class=\"shariff-icon\" style=\"\"><svg width=\"32px\" height=\"20px\" xmlns=\"http:\/\/www.w3.org\/2000\/svg\" viewBox=\"0 0 32 32\"><path fill=\"#999\" d=\"M32 12.7v14.2q0 1.2-0.8 2t-2 0.9h-26.3q-1.2 0-2-0.9t-0.8-2v-14.2q0.8 0.9 1.8 1.6 6.5 4.4 8.9 6.1 1 0.8 1.6 1.2t1.7 0.9 2 0.4h0.1q0.9 0 2-0.4t1.7-0.9 1.6-1.2q3-2.2 8.9-6.1 1-0.7 1.8-1.6zM32 7.4q0 1.4-0.9 2.7t-2.2 2.2q-6.7 4.7-8.4 5.8-0.2 0.1-0.7 0.5t-1 0.7-0.9 0.6-1.1 0.5-0.9 0.2h-0.1q-0.4 0-0.9-0.2t-1.1-0.5-0.9-0.6-1-0.7-0.7-0.5q-1.6-1.1-4.7-3.2t-3.6-2.6q-1.1-0.7-2.1-2t-1-2.5q0-1.4 0.7-2.3t2.1-0.9h26.3q1.2 0 2 0.8t0.9 2z\"\/><\/svg><\/span><\/a><\/li><\/ul><\/div><h2>Geseko von L\u00fcpke im Gespr\u00e4ch mit dem Arzt und Psychotherapeuten Wolf B\u00fcntig (2003)<\/h2>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>In welcher inneren Verfassung ist der Mensch der Postmoderne?<\/em><\/p>\n<p>Wolf B\u00fcntig:<br \/>\nIn unserer Zeit sind wir von unseren Wurzeln entfremdet, wie es so sch\u00f6n hei\u00dft. Wir wissen ja oft noch nicht einmal, worum es in einem menschlichen Leben geht. Wo wir herkommen, wo wir hingehen, wof\u00fcr wir auf der Welt sind &#8211; das sind die grundlegenden philosophischen Fragen. Die sind f\u00fcr die Bev\u00f6lkerung aus dem Blickwinkel geraten. Erst in Krisenzeiten geraten sie wieder in den Blick. Da fehlt uns hierzulande Orientierung. Wir h\u00e4tten sie von den Kirchen haben k\u00f6nnen. Aber die wenigsten Leute h\u00f6ren auf die Kirchen oder gehen in die Kirche oder f\u00fchlen sich noch dort gebunden. Die Grundproblematik, vor der die Menschen heute stehen, ist Selbstbestimmung gegen\u00fcber Fremdbestimmung. Wir vergessen mehr und mehr, dass wir Menschen sind, halten uns f\u00fcr \u00dcberlebensroboter, unterwerfen uns sogenannten Sachzw\u00e4ngen, die es \u00fcberhaupt nicht gibt, vergessen, dass wir diese Sachzw\u00e4nge freiwillig auf uns genommen haben und gehen da nur aus Gewohnheit nicht raus. In die Therapie kommen immer mehr Menschen, die sich nicht willkommen f\u00fchlen auf der Welt; Menschen, die ihr Dasein nicht als Geschenk nehmen k\u00f6nnen, weil sie nicht erlebt haben, dass sich jemand freut, wenn sie da sind. Menschen, die glauben, man k\u00f6nnte sich die Daseinsberechtigung verdienen, und die sich daran zu Tode arbeiten mit gut sein, brav sein, alles richtig machen, es allen anderen Leuten recht machen. Das ist eine Dynamik, die ich an der Basis aller psychosomatischen Krankheiten sehe bis hin zum Krebs.<\/p>\n<p><em>Dieses Nichtbeheimatetsein &#8211; das nimmt radikal zu. Sie haben einmal f\u00fcr diesen psychischen Zustand den Begriff der &#8217;normalen Depression&#8216; gepr\u00e4gt. Was verstehen Sie genau darunter?<\/em><\/p>\n<p>Wolf B\u00fcntig:<br \/>\nWo der Einzelne resigniert vor der Aufgabe, sein Wesen zu pers\u00f6nlicher Eigenart zu entfalten, lebt er die normale Depression. \u00dcberall da, wo wir uns Sachzw\u00e4ngen unterwerfen, statt unser Leben pers\u00f6nlich zu gestalten, wo wir in lustloser Routine guten Zwecken dienen, statt unserem Leben einen Sinn zu geben, wo wir vor lauter manipuliertem Bedarf keine pers\u00f6nlichen Bed\u00fcrfnisse mehr erkennen, \u00fcberall da finden wir Anzeichen der normalen Depression. Wir gelten deshalb beileibe nicht als krank. Solange wir n\u00e4mlich mitmachen und konsumieren, anstatt zu genie\u00dfen; produzieren, anstatt wachsen zu lassen; Spa\u00df haben, anstatt uns zu freuen und wehleiden, anstatt wirklich zu leiden; das Leben aushalten, anstatt uns darauf einzulassen &#8211; so lange geh\u00f6ren wir dazu und gelten als normal. Der Normale atmet nicht frei, er h\u00e4lt die Luft an, er l\u00e4sst sich nicht gehen, sondern rei\u00dft sich zusammen. Er h\u00e4lt den Kopf oben, er ist bei Verstand, aber weitgehend von Sinnen.<\/p>\n<p><em>Sie beschreiben damit eine Normalit\u00e4t, die alles andere als gesund ist &#8230;<\/em><\/p>\n<p>Wolf B\u00fcntig:<br \/>\nWir m\u00fcssen immer unterscheiden, zwischen dem, was normal ist und dem, was gesund ist. Der durchschnittliche Grad an k\u00f6rperlicher und geistiger Behinderung, der ist normal, aber gesund ist er bestimmt nicht. Es ist normal, mit ungl\u00fccklichen Gesichtern herumzulaufen, ziemlich steif auf etwas hinzuzielen, was noch gar nicht ist &#8211; all das ist normal, aber nicht gesund. Gesund zu sein hei\u00dft, anwesend zu sein, zu sehen, was ist, zu schmecken, was ist, zu f\u00fchlen, was ist, was einem gut tut, was einem nicht gut tut. Was einen erf\u00fcllt, was einen schal l\u00e4sst &#8211; das ist gesund, aber das ist nicht normal. Wirklich mit etwas in Beziehung zu sein, hingegeben zu sein an den Augenblick, das gegenw\u00e4rtige Leben im best\u00e4ndigen Wandel ganz zu erfahren, das ist nicht normal, aber sehr gesund.<\/p>\n<p><em>Wie ist es zu dieser Orientierungslosigkeit gekommen, nicht mehr zu wissen, wozu wir leben?<\/em><\/p>\n<p>Wolf B\u00fcntig:<br \/>\nIch glaube, es hat mit dem allgemeinen Autorit\u00e4tsverfall zu tun. Ich glaube, es hat mit der Illusion zu tun, dass jeder sein eigener K\u00f6nig sein kann. Ich glaube, es hat zu tun mit dem Verlust des Ansehens v\u00e4terlicher Autorit\u00e4t und es hat zu tun mit dem Verfall der Traditionen, so dass mangels kompetenter und glaubw\u00fcrdiger F\u00fchrung durch einen Lehrer oder einen Meister innerhalb der eigenen Tradition die Kriterien beliebig werden und die Menschen orientierungslos sind.<br \/>\nEs gab in den alten Traditionen ganz klare Richtlinien daf\u00fcr, wann wer wohin geschickt wird, um den n\u00e4chsten Schritt zu lernen. In der Sufi-Literatur gibt es zum Beispiel unz\u00e4hlige Hinweise darauf, dass Meister immer darauf bestanden haben, dass Menschen erst mal lernen sollten, befriedigend einen Alltag zu leben, dass sie lernen, wie man gut isst, trinkt, schl\u00e4ft und beischl\u00e4ft, bevor sie \u00fcberhaupt das Meditieren anfangen d\u00fcrfen. Da herrscht eine gro\u00dfe Orientierungslosigkeit hier in unserer Kultur.<\/p>\n<p><em>Ist das ein kulturelles Ph\u00e4nomen?<\/em><\/p>\n<p>Wolf B\u00fcntig:<br \/>\nDas ist ganz sicher ein Preis f\u00fcr Zivilisation. Ich glaube, je mehr Zivilisation wir haben, umso weniger Kultur, weil in der Zivilisation kaum noch etwas kultiviert wird und es keinen Kult mehr gibt, um das Kultivierte nach seiner Ernte zu feiern.<br \/>\nDas sind die beiden Grunds\u00e4ulen von Kultur. Die Kultivierung des Bodens und der Kult. Und beides gibt es nicht mehr. Wir kultivieren nichts mehr, sondern fabrizieren. Da, wo es sich haupts\u00e4chlich um das Menschengemachte und nicht um die Kultivierung des Gott- oder Naturgegebenen dreht, da haben wir keine Kultur mehr.<\/p>\n<p><em>Pl\u00e4dieren Sie daf\u00fcr, zu fr\u00fcheren Verh\u00e4ltnissen zur\u00fcckzukehren?<\/em><\/p>\n<p>Wolf B\u00fcntig:<br \/>\nWir sind gezwungen, uns zu besinnen. Wir k\u00f6nnen nicht irgendwohin zur\u00fcckkehren. Aber wir k\u00f6nnten uns zum Beispiel besinnen, ob wir mit den unglaublichen M\u00f6glichkeiten, die wir mit unserer Verstandeskraft entwickelt haben, nicht anderen Zielen dienen k\u00f6nnen, als der F\u00fcllung von Portemonnaies, die sowieso schon so voll sind, dass deren Besitzer nicht wissen, was sie damit anfangen sollen &#8211; wo die F\u00fcllung von Portemonnaies zum Selbstzweck geworden ist. Ich pl\u00e4diere f\u00fcr die Besinnung: Wof\u00fcr sind wir auf der Welt? und: Welchen Sinn macht es in unserem Schaffen, Quantit\u00e4ten zu vermehren, anstatt Qualit\u00e4ten zu vertiefen?<\/p>\n<p><em>F\u00fchrt also dieses Vakuum an tiefen Werten zwangsl\u00e4ufig zur Suche nach Werten in anderen Kulturen?<\/em><\/p>\n<p>Wolf B\u00fcntig:<br \/>\nDie Menschen haben zum Teil in unserem Kulturkreis keine Antwort auf diese Frage gefunden. Und da finde ich es legitim, wenn sie weiter auf die Suche gehen. Wir sind ja so weit fortgeschritten oder heruntergekommen, dass wir sehr h\u00e4ufig Kultur mit Zivilisation verwechseln. Wir vergessen dabei, dass die Fortentwicklung von Zivilisation, so wie wir sie materialistisch verstehen, meistens viel Arbeit und Material kostet und dass uns das fehlt bei der kulturellen Besch\u00e4ftigung des Nachdenkens und des Betrachtens und Beschauens des Lebens. Es gibt von Indianern beredte Zeugnisse schon vor 200 Jahren, dass sie uns auf einem gef\u00e4hrlichen Wege sehen und uns bedauern und sagen: &#8222;Ihr entfernt euch immer mehr von der Sch\u00f6pfung. Wo habt ihr eigentlich eure Wurzeln?&#8220;, und neurotische Entwicklungen voraussagen. Diese Kulturmenschen, die wir die Wilden nennen, sind viel mehr in Verbindung mit der Sch\u00f6pfung, mit der Natur, einschlie\u00dflich der eigenen und haben viel mehr Zeit, diese Verbindung zu studieren, sich ihre Gedanken dar\u00fcber zu machen und diese Bilder einzuordnen in ihre Kultur.<\/p>\n<p><em>Kann eine Orientierung an solcher Weltsicht und solchen Werten Modell sein f\u00fcr uns?<\/em><\/p>\n<p>Wolf B\u00fcntig:<br \/>\nDass bei \u00dcbernahme von geistigen Praktiken aus fremden Kulturen viel Irrtum geschieht, ist klar.<br \/>\nDenn die Esoterik ist sinnlos ohne die Exoterik. Also wir meditieren jetzt zum Beispiel alle, aber wir rei\u00dfen die Praxis der Meditation raus aus dem traditionellen Rahmen, dem exoterischen Rahmen und vergessen alle Regeln daf\u00fcr, wann meditiert werden soll, wann man \u00fcberhaupt erst damit anfangen soll, und auch, wann man wieder damit aufh\u00f6ren soll. Meditation wird zum Selbstzweck und kann nat\u00fcrlich genauso in die Sackgasse f\u00fchren wie alles andere, was nicht unter sorgf\u00e4ltiger Anleitung geschieht.<\/p>\n<p><em>Hei\u00dft das, wir brauchen Lehrer?<\/em><\/p>\n<p>Wolf B\u00fcntig:<br \/>\nIch glaube, man kann Weisheit nicht lehren.<br \/>\nMan kann Weisheit vorleben und man kann Weisheit entwickeln in der Auseinandersetzung mit dem Leben, in der bewussten Hingabe an das Leben. Diese Entwicklung hat eine gewisse Konsequenz. Und so wie das Gehen nach dem Krabbeln kommt, gibt es dort auch hierarchische Stufen der Entwicklung. Diese Stufen sind in den Traditionen beschrieben und die Lehrer sind diese Stufen selbst gegangen und sehen den Sch\u00fcler hinsichtlich der Stufen &#8211; wie weit er ist &#8211; und k\u00f6nnen dann auch sagen, was der n\u00e4chste Schritt ist. Es gibt sicher Menschen, die eine hohe Entwicklung durchgemacht haben auch ohne die Begleitung eines Lehrers. Das erkennen alle Religionen an. Und sie sagen zugleich: Es ist der m\u00fchsamere und der mit sehr viel mehr Irrt\u00fcmern behaftete Weg. Dann gibt es die Dogmen, die geben die Bilder vor, die einen begleiten auf diesem Stufenweg. Aber die in diesen Bildern vermittelten Inhalte wollen nat\u00fcrlich von jedem pers\u00f6nlich erfahren werden, sonst haben wir Kirchenfr\u00f6mmigkeit und die Entwicklung stagniert. Ja, ich glaube, wir brauchen Lehrer.<\/p>\n<p><em>Was ist die Aufgabe eines Lehrers auf dem Weg der pers\u00f6nlichen Entwicklung?<\/em><\/p>\n<p>Wolf B\u00fcntig:<br \/>\nJeder Mensch hat ein inneres Wissen um das Menschsein. Es ist ein inneres Wissen um die Entfaltungsm\u00f6glichkeiten und um den Auftrag, den wir ins Leben mitbringen und dieser Auftrag wird geweckt durch Leben. Wir leben mit dem Vertrauten bis das Vertraute langweilig oder schmerzlich wird. Das hei\u00dft, wir wachen auf durch das Leiden an den Begebenheiten und Bedingungen. Und dann suchen wir nach au\u00dfen etwas, was als eingeborenes Wissen eigentlich in uns ist.<br \/>\nManchmal stolpern wir zuf\u00e4llig hinein und sagen: &#8222;Ach, das ist es, wonach ich mich die ganze Zeit gesehnt habe.&#8220;<br \/>\nDie Aufgabe eines Lehrers w\u00e4re es, uns an Erfahrungen heranzuf\u00fchren, die uns an das erinnern, was wir wissen, ohne es zu wissen. Graf D\u00fcrckheim nannte dieses innere Wissen inbildhaft &#8211; wir haben innere Bilder von dem, was menschengem\u00e4\u00df ist. Wir brauchen f\u00fcr die Entfaltung dieser inneren Bilder. Vorbilder, Menschen, an denen wir das verwirklicht sehen, um \u00fcberhaupt zu wissen: &#8222;Ah, was ich da drin habe, das gibt es!&#8220;, um es wiederzuerkennen und uns dann der Disziplin zu unterwerfen, das selbst zu verwirklichen.<\/p>\n<p><em>Entsteht inneres Wachstum aus Krisen?<\/em><\/p>\n<p>Wolf B\u00fcntig:<br \/>\nViele Punkte, an denen wir uns in der Krise w\u00e4hnen, sind Wendepunkte. Und an solchen Wendepunkten k\u00f6nnen wir ein bestimmtes Muster erkennen. Wendepunkte sind Phasen in unserem Leben, an denen aus dem Alten das Neue geboren wird, in denen wir gewordene Form verlieren und neue Gestalt finden, in denen wir Bekanntes in Frage stellen und uns \u00f6ffnen f\u00fcr das Unbekannte. Und das Unbekannte ist auch das, wozu wir uns noch nicht bekannt haben. An Wendepunkten geben wir den Halt auf, den wir am Gewohnten hatten, um dem zu begegnen, was werden will. An Wendepunkten nehmen wir Abschied von der Pers\u00f6nlichkeit, die wir waren, und begr\u00fc\u00dfen die Person, die wir gerade werden. Lebenskrisen sind eine Chance, aus dem Tiefschlaf aufzuwachen, sie r\u00fctteln uns auf, stellen das Gewohnte in Frage und fordern uns zu \u00dcberg\u00e4ngen heraus. Die \u00c4ngste, die wir in solchen Momenten haben, entsprechen der Angst vor dem Sterben. Wann immer an Wendepunkten gewohnte Ordnung ersch\u00fcttert wird, wird gebundene Lebenskraft frei und ordnet sich zu neuer Form. Wo immer wir hingegen diese Chance nicht wahrnehmen, vor dem Unbekannten zur\u00fcckschrecken, uns vor der Verantwortung f\u00fcr das Neue dr\u00fccken, z\u00f6gernd den n\u00e4chsten Schritt zu machen, deprimieren wir die Person, die wir werden, zugunsten der Pers\u00f6nlichkeit, die wir waren.<\/p>\n<p><em>Wenn die Krise ein R\u00fcckzug ist, in dem sich Wandel vollziehen kann, kehrt der gereifte Mensch dann mit neuer Identit\u00e4t in die Gemeinschaft zur\u00fcck?<\/em><\/p>\n<p>Wolf B\u00fcntig:<br \/>\nUnser Bewusstsein f\u00fcr unsere Identit\u00e4t ist meist nur teilweise entwickelt. Wir verwechseln Identit\u00e4t &#8211; wer wir sind &#8211; mit der Identifikation mit Bildern von uns selbst. Der Weg zu Identit\u00e4t f\u00fchrt immer \u00fcber die Selbsterfahrung. Nur wenn wir durch Erfahrung herausfinden, wer wir eigentlich sind jenseits dieser Bilder &#8211; wer wir zu sein vorgeben. Nur wenn wir aufgeben, danach zu schielen, was die anderen von uns vermeintlich erwarten, k\u00f6nnen wir erfahren, wer wir sind, als wer wir gemeint sind, wof\u00fcr wir auf die Welt gekommen sind. Und ich glaube, dass wir nur in dem Ma\u00dfe beziehungsf\u00e4hig sind, wie wir identisch sind mit denen, die wir sind, und nicht mehr verhaftet sind in Bildern davon, wie wir h\u00e4tten sein sollen, wie wir gerne w\u00e4ren, wie wir glauben sein zu m\u00fcssen, um akzeptiert zu sein.<br \/>\nIch glaube, dass wir nur in dem Ma\u00dfe, in dem wir mit uns eins, d. h. identisch sind, indem wir wissen, wer wir sind, uns auch dem Anderen zeigen und zumuten und dadurch Beziehungen eingehen k\u00f6nnen. Und auch nur in dem Ma\u00dfe, in dem wir unserer eigenen Identit\u00e4t sicher sind, in dem wir dieselben sind, die wir sind, k\u00f6nnen wir auch andere so sein lassen, wie sie sind. Und das ist immer ein Weg und kein Ziel. Wer nicht autonom ist, kann keine Beziehung eingehen, und nur in Beziehung kann ich autonom werden. Die beiden geh\u00f6ren zusammen. Nur der Selbst\u00e4ndige kann Abh\u00e4ngigkeit ertragen. Und nur indem ich meine Abh\u00e4ngigkeit von den Mitmenschen anerkenne, kann ich werden, wer ich bin. Sonst werde ich nur ein isolierter Zombie, der irgendwo im Weltall herumschwirrt und seine Gedanken \u00fcber sich selbst f\u00fcr sich selbst h\u00e4lt, ohne f\u00fcrchten zu m\u00fcssen, dass jemand seine Selbstt\u00e4uschung infrage stellt, denn es ist ja sonst niemand da.<\/p>\n<p><em>Hei\u00dft das, es geht eigentlich darum zu werden, was wir schon sind?<\/em><\/p>\n<p>Wolf B\u00fcntig:<br \/>\nDas Ziel ist, wieder dort anzukn\u00fcpfen, wo wir vor den Erfahrungen von Mangel und Trauma waren, bevor wir gepr\u00e4gt und konditioniert wurden. Das hei\u00dft, am Wesen der Person anzukn\u00fcpfen, an ihrem Dasein, an ihrem Interesse, an ihrer Wahrnehmung, an ihrer eigenen W\u00fcrde, an ihrem Mitgef\u00fchl, am Gef\u00fchl f\u00fcr den eigenen Wert als Gesch\u00f6pf, an der Aufrichtigkeit &#8211; so wie Kinder sind, bevor sie anfangen zu schauen, wem sie es recht machen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"color: #999999;\">Aus: Politik des Herzens von Dr. Geseko von L\u00fcpke<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #999999;\">Nachhaltige Konzepte f\u00fcr das 21. Jahrhundert<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #999999;\">Gespr\u00e4che mit den Weisen unserer Zeit<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #999999;\">\u00a9 Arun-Verlag, Engerda 2003<\/span><\/p>\n<hr \/>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dr. Wolf B\u00fcntig war Gr\u00fcnder und bis zu seinem Tod am 14.8.2021 Leiter der ZIST gemeinn\u00fctzige GmbH und der ZIST Akademie f\u00fcr Psychotherapie.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div class=\"shariff shariff-align-left shariff-widget-align-left\"><div class=\"ShariffHeadline\">Diesen Beitrag teilen <\/div><ul class=\"shariff-buttons theme-round orientation-horizontal buttonsize-large\"><li class=\"shariff-button whatsapp shariff-nocustomcolor\" style=\"background-color:#5cbe4a\"><a href=\"https:\/\/api.whatsapp.com\/send?text=https%3A%2F%2Fwww.zist.de%2Fblog%2F2024%2F12%2F03%2Fwachstum-ins-undenkbare%2F%20WACHSTUM%20INS%20UNDENKBARE\" title=\"Bei Whatsapp teilen\" aria-label=\"Bei Whatsapp teilen\" role=\"button\" rel=\"noopener nofollow\" class=\"shariff-link\" style=\"; background-color:#34af23; color:#fff\" target=\"_blank\"><span class=\"shariff-icon\" style=\"\"><svg width=\"32px\" height=\"20px\" xmlns=\"http:\/\/www.w3.org\/2000\/svg\" viewBox=\"0 0 32 32\"><path fill=\"#34af23\" d=\"M17.6 17.4q0.2 0 1.7 0.8t1.6 0.9q0 0.1 0 0.3 0 0.6-0.3 1.4-0.3 0.7-1.3 1.2t-1.8 0.5q-1 0-3.4-1.1-1.7-0.8-3-2.1t-2.6-3.3q-1.3-1.9-1.3-3.5v-0.1q0.1-1.6 1.3-2.8 0.4-0.4 0.9-0.4 0.1 0 0.3 0t0.3 0q0.3 0 0.5 0.1t0.3 0.5q0.1 0.4 0.6 1.6t0.4 1.3q0 0.4-0.6 1t-0.6 0.8q0 0.1 0.1 0.3 0.6 1.3 1.8 2.4 1 0.9 2.7 1.8 0.2 0.1 0.4 0.1 0.3 0 1-0.9t0.9-0.9zM14 26.9q2.3 0 4.3-0.9t3.6-2.4 2.4-3.6 0.9-4.3-0.9-4.3-2.4-3.6-3.6-2.4-4.3-0.9-4.3 0.9-3.6 2.4-2.4 3.6-0.9 4.3q0 3.6 2.1 6.6l-1.4 4.2 4.3-1.4q2.8 1.9 6.2 1.9zM14 2.2q2.7 0 5.2 1.1t4.3 2.9 2.9 4.3 1.1 5.2-1.1 5.2-2.9 4.3-4.3 2.9-5.2 1.1q-3.5 0-6.5-1.7l-7.4 2.4 2.4-7.2q-1.9-3.2-1.9-6.9 0-2.7 1.1-5.2t2.9-4.3 4.3-2.9 5.2-1.1z\"\/><\/svg><\/span><\/a><\/li><li class=\"shariff-button facebook shariff-nocustomcolor\" style=\"background-color:#4273c8\"><a href=\"https:\/\/www.facebook.com\/sharer\/sharer.php?u=https%3A%2F%2Fwww.zist.de%2Fblog%2F2024%2F12%2F03%2Fwachstum-ins-undenkbare%2F\" title=\"Bei Facebook teilen\" aria-label=\"Bei Facebook teilen\" role=\"button\" rel=\"nofollow\" class=\"shariff-link\" style=\"; background-color:#3b5998; color:#fff\" target=\"_blank\"><span class=\"shariff-icon\" style=\"\"><svg width=\"32px\" height=\"20px\" xmlns=\"http:\/\/www.w3.org\/2000\/svg\" viewBox=\"0 0 18 32\"><path fill=\"#3b5998\" d=\"M17.1 0.2v4.7h-2.8q-1.5 0-2.1 0.6t-0.5 1.9v3.4h5.2l-0.7 5.3h-4.5v13.6h-5.5v-13.6h-4.5v-5.3h4.5v-3.9q0-3.3 1.9-5.2t5-1.8q2.6 0 4.1 0.2z\"\/><\/svg><\/span><\/a><\/li><li class=\"shariff-button mailto shariff-nocustomcolor\" style=\"background-color:#a8a8a8\"><a href=\"mailto:?body=https%3A%2F%2Fwww.zist.de%2Fblog%2F2024%2F12%2F03%2Fwachstum-ins-undenkbare%2F&subject=WACHSTUM%20INS%20UNDENKBARE\" title=\"Per E-Mail versenden\" aria-label=\"Per E-Mail versenden\" role=\"button\" rel=\"noopener nofollow\" class=\"shariff-link\" style=\"; background-color:#999; color:#fff\"><span class=\"shariff-icon\" style=\"\"><svg width=\"32px\" height=\"20px\" xmlns=\"http:\/\/www.w3.org\/2000\/svg\" viewBox=\"0 0 32 32\"><path fill=\"#999\" d=\"M32 12.7v14.2q0 1.2-0.8 2t-2 0.9h-26.3q-1.2 0-2-0.9t-0.8-2v-14.2q0.8 0.9 1.8 1.6 6.5 4.4 8.9 6.1 1 0.8 1.6 1.2t1.7 0.9 2 0.4h0.1q0.9 0 2-0.4t1.7-0.9 1.6-1.2q3-2.2 8.9-6.1 1-0.7 1.8-1.6zM32 7.4q0 1.4-0.9 2.7t-2.2 2.2q-6.7 4.7-8.4 5.8-0.2 0.1-0.7 0.5t-1 0.7-0.9 0.6-1.1 0.5-0.9 0.2h-0.1q-0.4 0-0.9-0.2t-1.1-0.5-0.9-0.6-1-0.7-0.7-0.5q-1.6-1.1-4.7-3.2t-3.6-2.6q-1.1-0.7-2.1-2t-1-2.5q0-1.4 0.7-2.3t2.1-0.9h26.3q1.2 0 2 0.8t0.9 2z\"\/><\/svg><\/span><\/a><\/li><\/ul><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Geseko von L\u00fcpke im Gespr\u00e4ch mit dem Arzt und Psychotherapeuten Wolf B\u00fcntig (2003) &nbsp; In welcher inneren Verfassung ist der Mensch der Postmoderne? 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