{"id":4654,"date":"2023-04-26T12:42:10","date_gmt":"2023-04-26T10:42:10","guid":{"rendered":"https:\/\/www.zist.de\/blog\/?p=4654"},"modified":"2023-05-22T13:03:33","modified_gmt":"2023-05-22T11:03:33","slug":"dankbarkeit-wolf-buentig","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.zist.de\/blog\/2023\/04\/26\/dankbarkeit-wolf-buentig\/","title":{"rendered":"DANKBARKEIT | Wolf B\u00fcntig"},"content":{"rendered":"<div class=\"shariff shariff-align-left shariff-widget-align-left\"><div class=\"ShariffHeadline\">Diesen Beitrag teilen <\/div><ul class=\"shariff-buttons theme-round orientation-horizontal buttonsize-large\"><li class=\"shariff-button whatsapp shariff-nocustomcolor\" style=\"background-color:#5cbe4a\"><a href=\"https:\/\/api.whatsapp.com\/send?text=https%3A%2F%2Fwww.zist.de%2Fblog%2F2023%2F04%2F26%2Fdankbarkeit-wolf-buentig%2F%20DANKBARKEIT%20%7C%20Wolf%20B%C3%BCntig\" title=\"Bei Whatsapp teilen\" aria-label=\"Bei Whatsapp teilen\" role=\"button\" rel=\"noopener nofollow\" class=\"shariff-link\" style=\"; background-color:#34af23; color:#fff\" target=\"_blank\"><span class=\"shariff-icon\" style=\"\"><svg width=\"32px\" height=\"20px\" xmlns=\"http:\/\/www.w3.org\/2000\/svg\" viewBox=\"0 0 32 32\"><path fill=\"#34af23\" d=\"M17.6 17.4q0.2 0 1.7 0.8t1.6 0.9q0 0.1 0 0.3 0 0.6-0.3 1.4-0.3 0.7-1.3 1.2t-1.8 0.5q-1 0-3.4-1.1-1.7-0.8-3-2.1t-2.6-3.3q-1.3-1.9-1.3-3.5v-0.1q0.1-1.6 1.3-2.8 0.4-0.4 0.9-0.4 0.1 0 0.3 0t0.3 0q0.3 0 0.5 0.1t0.3 0.5q0.1 0.4 0.6 1.6t0.4 1.3q0 0.4-0.6 1t-0.6 0.8q0 0.1 0.1 0.3 0.6 1.3 1.8 2.4 1 0.9 2.7 1.8 0.2 0.1 0.4 0.1 0.3 0 1-0.9t0.9-0.9zM14 26.9q2.3 0 4.3-0.9t3.6-2.4 2.4-3.6 0.9-4.3-0.9-4.3-2.4-3.6-3.6-2.4-4.3-0.9-4.3 0.9-3.6 2.4-2.4 3.6-0.9 4.3q0 3.6 2.1 6.6l-1.4 4.2 4.3-1.4q2.8 1.9 6.2 1.9zM14 2.2q2.7 0 5.2 1.1t4.3 2.9 2.9 4.3 1.1 5.2-1.1 5.2-2.9 4.3-4.3 2.9-5.2 1.1q-3.5 0-6.5-1.7l-7.4 2.4 2.4-7.2q-1.9-3.2-1.9-6.9 0-2.7 1.1-5.2t2.9-4.3 4.3-2.9 5.2-1.1z\"\/><\/svg><\/span><\/a><\/li><li class=\"shariff-button facebook shariff-nocustomcolor\" style=\"background-color:#4273c8\"><a href=\"https:\/\/www.facebook.com\/sharer\/sharer.php?u=https%3A%2F%2Fwww.zist.de%2Fblog%2F2023%2F04%2F26%2Fdankbarkeit-wolf-buentig%2F\" title=\"Bei Facebook teilen\" aria-label=\"Bei Facebook teilen\" role=\"button\" rel=\"nofollow\" class=\"shariff-link\" style=\"; background-color:#3b5998; color:#fff\" target=\"_blank\"><span class=\"shariff-icon\" style=\"\"><svg width=\"32px\" height=\"20px\" xmlns=\"http:\/\/www.w3.org\/2000\/svg\" viewBox=\"0 0 18 32\"><path fill=\"#3b5998\" d=\"M17.1 0.2v4.7h-2.8q-1.5 0-2.1 0.6t-0.5 1.9v3.4h5.2l-0.7 5.3h-4.5v13.6h-5.5v-13.6h-4.5v-5.3h4.5v-3.9q0-3.3 1.9-5.2t5-1.8q2.6 0 4.1 0.2z\"\/><\/svg><\/span><\/a><\/li><li class=\"shariff-button mailto shariff-nocustomcolor\" style=\"background-color:#a8a8a8\"><a href=\"mailto:?body=https%3A%2F%2Fwww.zist.de%2Fblog%2F2023%2F04%2F26%2Fdankbarkeit-wolf-buentig%2F&subject=DANKBARKEIT%20%7C%20Wolf%20B%C3%BCntig\" title=\"Per E-Mail versenden\" aria-label=\"Per E-Mail versenden\" role=\"button\" rel=\"noopener nofollow\" class=\"shariff-link\" style=\"; background-color:#999; color:#fff\"><span class=\"shariff-icon\" style=\"\"><svg width=\"32px\" height=\"20px\" xmlns=\"http:\/\/www.w3.org\/2000\/svg\" viewBox=\"0 0 32 32\"><path fill=\"#999\" d=\"M32 12.7v14.2q0 1.2-0.8 2t-2 0.9h-26.3q-1.2 0-2-0.9t-0.8-2v-14.2q0.8 0.9 1.8 1.6 6.5 4.4 8.9 6.1 1 0.8 1.6 1.2t1.7 0.9 2 0.4h0.1q0.9 0 2-0.4t1.7-0.9 1.6-1.2q3-2.2 8.9-6.1 1-0.7 1.8-1.6zM32 7.4q0 1.4-0.9 2.7t-2.2 2.2q-6.7 4.7-8.4 5.8-0.2 0.1-0.7 0.5t-1 0.7-0.9 0.6-1.1 0.5-0.9 0.2h-0.1q-0.4 0-0.9-0.2t-1.1-0.5-0.9-0.6-1-0.7-0.7-0.5q-1.6-1.1-4.7-3.2t-3.6-2.6q-1.1-0.7-2.1-2t-1-2.5q0-1.4 0.7-2.3t2.1-0.9h26.3q1.2 0 2 0.8t0.9 2z\"\/><\/svg><\/span><\/a><\/li><\/ul><\/div><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"768\" class=\"alignnone size-large wp-image-4655\" src=\"https:\/\/www.zist.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/maerzenbecher-1024x768.jpg\" alt=\"Dankbarkeit - Wolf B\u00fcntig\" srcset=\"https:\/\/www.zist.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/maerzenbecher-980x735.jpg 980w, https:\/\/www.zist.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/maerzenbecher-480x360.jpg 480w\" sizes=\"(min-width: 0px) and (max-width: 480px) 480px, (min-width: 481px) and (max-width: 980px) 980px, (min-width: 981px) 1024px, 100vw\" \/><\/p>\n<h2><\/h2>\n<h2 data-pm-slice=\"1 1 []\">DANKBARKEIT<\/h2>\n<h5 data-pm-slice=\"1 1 []\">Ein Text von Wolf B\u00fcntig<\/h5>\n<p data-pm-slice=\"1 1 []\">Es schneit \u2013 ganz fein. Seit Wochen schneit es immer wieder. Wenn die Sonne auf den Schnee scheint und Millionen Kristalle wie Diamanten funkeln, wenn die K\u00e4lte den Pulverschnee unter jedem Schritt knirschen l\u00e4sst und den Atem in eine wei\u00dfe Fahne verwandelt, dann f\u00fchle ich Dankbarkeit. Dankbar bin ich auch f\u00fcr das Feuer im Ofen mit der gro\u00dfen Glasscheibe, das allein schon beim Hinschauen w\u00e4rmt. Eines Morgens h\u00f6re ich mehrfach Donner und wundere mich: Ein Gewitter mitten im Winter? Sp\u00e4ter sehe ich, dass der Schnee vom Dach gerutscht ist. Ich bin froh, dass gerade niemand dort war, und wundere mich: Ist das Dankbarkeit?<\/p>\n<p>Was ist Dankbarkeit? Ich habe mir fr\u00fch angew\u00f6hnt, anderen zuliebe Danke zu sagen, und erst allm\u00e4hlich gelernt, Dankbarkeit zu empfinden. Dankbarkeit ist ein Gef\u00fchl, und Gef\u00fchle sind zun\u00e4chst einmal gelernt \u2013 Teil der Konditionierung. Wir lernen \u2013 meist als erstes von der Mutter \u2013 einen bestimmten inneren Erregungszustand mit einem Begriff zu belegen. Wir lernen Danke sagen, wie uns das von den Eltern vorgelebt wird oder weil sie es von uns verlangen, weil es uns Zustimmung und Akzeptanz einbringt oder \u00c4rger und Schmerz erspart. Es gibt Menschen, die Danke sagen lernen mussten daf\u00fcr, dass sie geschlagen wurden, und deren Eltern davon \u00fcberzeugt waren, dass sie das aus Liebe tun mussten, damit aus den Kindern etwas wird.<\/p>\n<p>Ich solle dankbar sein, dass es \u00fcberhaupt etwas gibt, sagte meine Mutter, wenn ich einmal etwas nicht essen mochte \u2013 damals nach dem gro\u00dfen Krieg, als es nicht viel gab \u2013, die Kinder in Indien h\u00e4tten noch weniger. Und der Tante Isa solle ich schreiben und Danke sagen f\u00fcr die Socken zu Weihnachten, sagte sie. So habe ich also gelernt, Dankbarkeit auszudr\u00fccken, weil meine Mutter das wollte. Die Kinder in Indien &#8230; \u2013 was wusste ich, wo Indien war? Und die Kinder? Ich kannte den Hansl vom Forstmeister, mit dem ich durch die W\u00e4lder stromerte, und erinnere mich an den Sohn vom Schmied, den Fritzi, mit dem ich sp\u00e4ter in die Berge ging. Aber ob ich schon wusste, was Kinder sind, wei\u00df ich nicht mehr. Und wem sollte ich dankbar sein, dass ich etwas zu essen hatte? Wir hatten Hunger und unsere Mutter sorgte daf\u00fcr, dass wir etwas zu essen hatten. Sie kochte jeden Tag Quark aus der Magermilch, die es in der Molkerei f\u00fcr die Fl\u00fcchtlinge umsonst (heute sagt man kostenlos) gab; sie wusch f\u00fcr die amerikanischen Besatzungssoldaten die W\u00e4sche und baute Kartoffeln und Kraut und Gurken an auf dem Acker, der fr\u00fcher der Fu\u00dfballplatz gewesen war. Daf\u00fcr, wie sie uns ohne den Vater durch die Nachkriegszeit gebracht hat, bewundere und ehre ich sie heute und bin dankbar \u2013 aber damals noch nicht. Damals war alles einfach so. Wir kannten es nicht anders und f\u00fcr sich selbst verlangte sie keine Dankbarkeit.<\/p>\n<p>Wir Kinder gingen betteln bei den Bauern. Wir nannten es Hausieren, damit wir uns nicht sch\u00e4men mussten. (Auch Scham ist zun\u00e4chst ein konditioniertes Gef\u00fchl.) Wir sagten nat\u00fcrlich Danke. Irgendwie ahnten wir, dass das wichtig war, um sp\u00e4ter wieder was zu bekommen. Ich war immer stolz, wenn ich ein paar Eier nach Hause brachte, und bin es heute noch \u2013 vielleicht war auch die Mutter stolz auf mich. Ich kenne andere, die sich heute noch daf\u00fcr sch\u00e4men, dass sie damals nichts hatten \u2013 wer wei\u00df, wer sie daf\u00fcr verh\u00f6hnte?<\/p>\n<p>Die Tante Isa, meine Patentante, war fein, auch wenn sie, wie wir, so gut wie nichts hatte. Die kam manchmal zu Besuch und dann sollten wir uns was sch\u00e4men daf\u00fcr, dass wir am Sonntag so rumliefen, sagte die Mutter. Sonntag war, wenn die Leute vom Dorf schw\u00e4rzer angezogen waren und die Glocken vom Kirchturm \u00f6fter l\u00e4uteten als sonst, doch was sie mit &#8222;was sch\u00e4men&#8220; und &#8222;so rumlaufen&#8220; meinte, wussten wir nicht. Sie hat uns nur weniger beachtet, und das war beunruhigend.<\/p>\n<p>Von Tanten, vor allem von Patentanten, bekam man n\u00fctzliche Dinge wie handgestrickte Leibchen und Unterhosen. Die kratzten, doch sie waren warm. Auch da war es gut, Danke zu sagen, sonst dachte die Tante Isa schlecht von unserer Mutter, die ihre kleine Schwester war, und musste sich Sorgen machen, dass aus uns nichts werden w\u00fcrde.<br \/>\nMeist runzelte sie nur die Stirne, denn sie war ja fein, wie gesagt. Sie war der Ansicht, wir br\u00e4uchten eine Erziehung. Auch da wusste ich nicht, was das war, doch ich wusste, dass wir etwas zum Anziehen brauchten, also lernte ich Danke sagen, wann immer ich dachte, das w\u00e4re gut f\u00fcr irgendwas oder irgendwen.<\/p>\n<p>Damals stellten sich geh\u00e4uft Erfahrungen von gro\u00dfer Freiheit ein, in denen der in seinem Bewusstsein durch Vaterland und Muttersprache gepr\u00e4gte Junge durchbrach in die Wahrnehmung einer die bedingte Realit\u00e4t \u00fcbersteigenden und umfassenden Wirklichkeit. Ich erinnere mich zum Beispiel, wie ich unter meinem Baumhaus in einer der drei gro\u00dfen Fichten am Osterbichl am Rand des Dorfes im Gras liege. Von Ferne h\u00f6re ich, wie ein Bauer seine Sense wetzt; der F\u00f6hnwind tr\u00e4gt das rhythmische Ger\u00e4usch des M\u00e4hens und den Duft von frisch geschnittenem Gras her\u00fcber zu mir; unter mir sp\u00fcre ich die Erde, in die ich mich immer tiefer einsinken lasse; ein M\u00e4usebussard kreist im Ausschnitt zwischen den Wipfeln der drei B\u00e4ume und die Uhr am Kirchturm schl\u00e4gt drei Uhr &#8230; und mit einem Mal bin ich verzaubert, bin eins mit allem, eins mit Gras und Wind und Klang und Duft; der Sorge um die \u00fcberlastete Mutter und dem Kummer um den verschollenen Vater entr\u00fcckt; aufgehoben, einverstanden, von Leben durchdrungen, gl\u00fccklich. Sicher f\u00fchle ich damals Dankbarkeit, ohne es zu wissen. Ich hatte das Wort Dankbarkeit noch nicht mit diesem Gef\u00fchl von \u00fcberflie\u00dfender F\u00fclle und grenzenloser Einheit und Gl\u00fcckseligkeit in Verbindung gebracht. Doch ich fange an zu ahnen, dass das Kirchenlied &#8222;Gro\u00dfer Gott, wir loben Dich&#8220;, das ich bislang aus schierer Freude am Singen mitgesungen habe, mit dieser erlebten F\u00fclle zu tun haben muss.<\/p>\n<p>Sp\u00e4ter, im Internat, bekomme ich manchmal ein Fresspaket vom Onkel Karlfried. Das ist gerade so viele Kilo schwer, wie er abgenommen hat. Da freue ich mich riesig \u00fcber Dosenmilch und Butterkeks, Mettwurst und Lachsersatz. Doch mehr noch freue ich mich dar\u00fcber, dass da drau\u00dfen in der Welt jemand \u2013 mein Onkel, ein Mann \u2013 an mich denkt in meiner vaterlosen Einsamkeit (von der ich auch nichts wei\u00df, denn das Leben ist einfach so und ich kenne es nicht anders). Wieder ein wenig sp\u00e4ter schenkt er mir ein Jahresabonnement von Orion, einer popul\u00e4rwissenschaftlichen Zeitschrift f\u00fcr Jugendliche, die meine Neugier anfacht und eine erste Ahnung erschlie\u00dft von einer unbekannten Welt jenseits der beschr\u00e4nkten Gegebenheiten des Dorfes. Freilich habe ich dem Onkel Danke geschrieben, weil meine Mutter das gut fand, doch ich meine mich zu erinnern, dass ich damals auch anfing, mich bewusster und pers\u00f6nlicher als zuvor dankbar zu f\u00fchlen.<\/p>\n<p>Eines Tages, ich bin noch nicht ganz vierzehn Jahre alt, stehe ich mit aufgepacktem Fahrrad auf dem Marktplatz des Dorfes. Die Mutter sagt: &#8222;Es liegt nicht in meiner Hand, ob Dir hier etwas zust\u00f6\u00dft oder da drau\u00dfen, also fahr&#8216; mit Gott und fahr&#8216; vorsichtig \u2013 und schreib&#8216; mir ab und zu eine Postkarte&#8220;. Und so fahre ich los in den fernen Schwarzwald zum Onkel, der f\u00fcr mich zum Ersatz f\u00fcr meinen Vater geworden war. Damals habe ich mich nicht einmal mehr umgeschaut, ich wollte nur raus und weg und weiter. Doch heute steigt in mir tiefe Dankbarkeit daf\u00fcr auf, dass sie mich hat fahren lassen. \u201eDer arme Bub, so mutterseelenallein&#8220;, jammern die B\u00e4uerinnen, bei denen ich die Z\u00fcndh\u00f6lzer abgebe, damit sie mich im Heu schlafen lassen, und meine Mutter schimpfen sie eine Rabenmutter. (Viel sp\u00e4ter erst erfahre ich, wie Recht sie hatten: Rabenm\u00fctter werfen ihre Jungen aus dem Nest, wenn sie fl\u00fcgge sind, aber noch nicht wissen, dass sie fliegen k\u00f6nnen.)<\/p>\n<p>Mutterseelenallein bin ich im Internat unter all den anderen einsamen Buben. Doch in meinem Schlafsack unter freiem Himmel, auf einer Viehweide irgendwo in Frankreich, da bin ich zwar auch allein, doch in einem ganz anderen Sinn. Als sich die erste Angst gelegt hat, wird mir zum ersten Mal bewusst, was mir bereits aus den Streifz\u00fcgen durch die W\u00e4lder vertraut ist: Ich bin all-ein, eins mit allem \u2013 eins mit dem Busch, bei dem ich liege; eins mit den K\u00fchen, die in der N\u00e4he wiederk\u00e4uen, ab und zu einen Ast zertreten, so dass es knackt, und schnauben; eins mit dem Duft von Sommerluft und Kr\u00e4utern und Kuhfladen, eins mit der K\u00fchle und Schw\u00e4rze der Nacht und eins mit dem grenzenlos weiten Firmament mit seinen unendlich vielen Sternen. Da f\u00fchle ich mich klein und zugleich weit und voll, ganz unbedeutend und unendlich reich zugleich, und wei\u00df deutlicher als je zuvor, dass ich dankbar bin.<\/p>\n<p>Wof\u00fcr ich dankbar bin, wei\u00df ich damals nicht, denn ich bin eins auch mit diesem Gef\u00fchl, ohne mir Gedanken zu machen, wie ich dazu komme. Heute jedoch mache ich mir Gedanken zur Dankbarkeit angesichts all der vielen Menschen, die offensichtlich unzufrieden sind, nicht im Frieden mit sich selbst und der Welt, obwohl sie scheinbar alles haben, was man braucht, und mehr.<\/p>\n<p>Ich lebe. Die Eltern hat es viel gekostet, dass durch sie das Leben zu mir gekommen ist. In unserem Teil der Welt regnet es genug, so dass alle etwas zu essen haben. Schon seit langer Zeit sind die Pest, die Pocken und die Polioepidemien ausgeblieben und es herrscht seit vielen Jahren Frieden. Mein Leben und die Wunder der Natur, die Frau an meiner Seite, die Freunde, meine Kinder und Enkel und meine Lehrer, die alle mein Leben so reich machen, aber auch die Pr\u00fcfungen, an denen ich wachse \u2013 all das habe ich nicht verdient. Es ist ein gl\u00fcckliches Geschick, ein Geschenk des Himmels, das ich nur dem\u00fctig nehmen oder hochm\u00fctig ausschlagen kann in dem Wahn, ich h\u00e4tte es verdient.<br \/>\nIch denke an ein Bild, das ich in der Zeit nach dem letzten gro\u00dfen Erdbeben in Kobe in der Abendzeitung sah: Ein Mann sitzt auf einem Schuttberg, unter dem sein Verm\u00f6gen und seine Familie begraben liegen. Er strahlt und sagt: \u201eIch lebe!&#8220;<\/p>\n<p>Eine amerikanische Sch\u00fclerin erkl\u00e4rte mir, dass sie in der Schule gelernt h\u00e4tte, wie man mit den Komplimenten der jungen Burschen, mit denen man ausgeht, umgehen soll. Man sagt herzlich Danke f\u00fcr die Wertsch\u00e4tzung und gibt damit zu verstehen, dass man sie als ein Geschenk betrachtet, das einen zu nichts verpflichtet. In Bayern begegnet man der hochm\u00fctigen Versuchung, nichts schuldig bleiben und f\u00fcr alles eine Gegenleistung bringen zu wollen, indem man \u201eVergelt&#8217;s Gott!&#8220; sagt und damit die Gegenleistung f\u00fcr das unbezahlbare Geschenk einem H\u00f6heren \u00fcberl\u00e4sst.<\/p>\n<p>Dankbarkeit macht frei. Das Geschenk, das man nicht verdienen kann, weil es ja bereits geschenkt ist, dankbar zu nehmen, ist eine Geste der Demut, die uns nur gl\u00fcckt, wenn wir darauf verzichten k\u00f6nnen, alles im Griff haben, alles selber machen und alles verdienen zu m\u00fcssen. Wer sich dem gr\u00f6\u00dferen Ganzen beugen, die Gaben des Lebens nehmen und daf\u00fcr danken kann, ist frei. Frei auch daf\u00fcr, vom Geschenkten weiterzuschenken an die, die bed\u00fcrftig sind und ihrerseits frei sind, zu nehmen.<\/p>\n<p>Dankbarkeit ist ein Schl\u00fcssel zum Reichtum. Jedes Mal wenn ich mich bewusst bedanke f\u00fcr etwas, das mir geschenkt wird \u2013 eine Zuwendung, ein Gru\u00df, ein guter Wunsch, ein Interesse an meiner Person, an meinem Tun oder an dem, was ich zu sagen oder zu geben habe \u2013 stelle ich mit dem Dank eine Quittung aus, mit der ich besiegele, dass ich etwas bekommen habe und damit reicher geworden bin.<\/p>\n<p>Dankbarkeit selbst ist eine Gabe, ist Teil unserer menschlichen Natur wie die Freude und das Mitgef\u00fchl, die Sorge und die F\u00fcrsorge, der Hass und die Liebe. Ein menschliches Potential, wie Aldous Huxley sagte; inbildhaft eingeboren in den Worten Graf D\u00fcrckheims.<\/p>\n<p>Das inbildhaft gegebene Potential bedarf des Vorbildes, um geweckt zu werden und sich entfalten zu k\u00f6nnen. Wir lernen den aufrechten Gang bei aufrecht gehenden und das Lieben bei liebevollen Mitmenschen. Interesse, Neugier und Forschergeist k\u00f6nnen sich bei offenen Menschen eher entfalten als bei zugekn\u00f6pften; und die Missbrauchst\u00e4ter sind in der Regel selbst missbraucht worden. Auch wenn wir ein Leben lang versucht haben, anderen zuliebe so zu tun, als w\u00e4ren wir so, wie sie es gerne h\u00e4tten, wartet die Wahrheit \u00fcber unsere Eigenart doch stets darauf, von uns entdeckt zu werden, angesteckt von einem Menschen, der riskiert, notfalls andere zu entt\u00e4uschen, um sich selbst treu zu bleiben.<\/p>\n<p>Dankbarkeit ist auch eine \u00dcbung. Augustinus nannte den Vorgang, durch den wir uns die Tugenden aneignen, Identifikation. Wir werden heilig, indem wir immer wieder das Gleiche tun (idem facere) wie die Heiligen. Wir k\u00f6nnen \u00fcben, immer wieder, wie von der Mutter gelernt, Danke zu sagen, wenn uns etwas geschenkt wird. So lernen wir allm\u00e4hlich, uns dankbar zu f\u00fchlen wie sie (aber auf unsere eigene Weise), wenn sie vor Freude \u00fcber ein Geschenk leuchtet. Und wir geben damit zu verstehen, dass wir uns \u00fcber das Geschenk freuen, was wiederum den Geber freut, wenn sein Geschenk genommen wird.<\/p>\n<p>Der Morgennebel rei\u00dft auf und gibt den Blick frei auf die \u00fcberw\u00e4ltigende Pracht der schneebedeckten Berge und mein Herz geht auf vor Dankbarkeit. Meine Enkelin strahlt vor Freude \u00fcber das kleine Geschenk, das ich ihr mitgebracht habe, sagt Danke, so wie ihre Mutter es ihr vorgelebt hat. Ich freue mich, dass ich ihr eine Freude machen konnte, und sie freut sich, dass ich mich freue. Was f\u00fcr ein guter, reicher Tag.<\/p>\n<p>Der Fr\u00fchling kommt. Manchmal singt schon die Amsel am fr\u00fchen Morgen ihr Lied. Ich nehme es f\u00fcr mich und f\u00fchle mich dankbar. Ich wei\u00df, dass ich, wenn ich in den Wiesengrund gehe, wie jedes Jahr die M\u00e4rzenbecher den Schnee durchsto\u00dfen sehen werde. Doch wenn ich sie dann tats\u00e4chlich vor mir sehe und entdecke, dass sie dabei so viel Hitze entwickeln, dass sie einen Trichter um die leuchtend gr\u00fcnen Blattlanzen schmelzen, dann freue ich mich wie beim ersten Mal und bin dankbar, dass sie wieder gekommen sind \u2013 und auch daf\u00fcr, dass ich es noch einmal sehen kann.<\/p>\n<p>Danke, Bruder David. Danke f\u00fcr die Erinnerung an die Gabe, Danke f\u00fcr das Vorbild und Danke f\u00fcr die unerm\u00fcdlichen Hinweise auf die Vielfalt an guten Gr\u00fcnden und M\u00f6glichkeiten, die Kunst der Dankbarkeit als einen Teil der Lebenskunst zu entfalten.<\/p>\n<hr \/>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"color: #999999;\">Geringf\u00fcgig korrigierter und erg\u00e4nzter Beitrag zur Festschrift f\u00fcr Bruder David Steindl-Rast zum 80. Geburtstag: Rosemarie Primault und Rudolf Walter Hrsg.: Die Augen meiner Augen sind ge\u00f6ffnet: Erfahrungen der Dankbarkeit; mit Beitr\u00e4gen von u. a. Ingrid Riedel, Willigis J\u00e4ger, Chungliang Al Huang, Joan Halifax, Bert Hellinger, Thich Nhat Hanh, Herder Freiburg 2005; ISBN 978-3-451-29051-0<\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div class=\"shariff shariff-align-left shariff-widget-align-left\"><div class=\"ShariffHeadline\">Diesen Beitrag teilen <\/div><ul class=\"shariff-buttons theme-round orientation-horizontal buttonsize-large\"><li class=\"shariff-button whatsapp shariff-nocustomcolor\" style=\"background-color:#5cbe4a\"><a href=\"https:\/\/api.whatsapp.com\/send?text=https%3A%2F%2Fwww.zist.de%2Fblog%2F2023%2F04%2F26%2Fdankbarkeit-wolf-buentig%2F%20DANKBARKEIT%20%7C%20Wolf%20B%C3%BCntig\" title=\"Bei Whatsapp teilen\" aria-label=\"Bei Whatsapp teilen\" role=\"button\" rel=\"noopener nofollow\" class=\"shariff-link\" style=\"; background-color:#34af23; color:#fff\" target=\"_blank\"><span class=\"shariff-icon\" style=\"\"><svg width=\"32px\" height=\"20px\" xmlns=\"http:\/\/www.w3.org\/2000\/svg\" viewBox=\"0 0 32 32\"><path fill=\"#34af23\" d=\"M17.6 17.4q0.2 0 1.7 0.8t1.6 0.9q0 0.1 0 0.3 0 0.6-0.3 1.4-0.3 0.7-1.3 1.2t-1.8 0.5q-1 0-3.4-1.1-1.7-0.8-3-2.1t-2.6-3.3q-1.3-1.9-1.3-3.5v-0.1q0.1-1.6 1.3-2.8 0.4-0.4 0.9-0.4 0.1 0 0.3 0t0.3 0q0.3 0 0.5 0.1t0.3 0.5q0.1 0.4 0.6 1.6t0.4 1.3q0 0.4-0.6 1t-0.6 0.8q0 0.1 0.1 0.3 0.6 1.3 1.8 2.4 1 0.9 2.7 1.8 0.2 0.1 0.4 0.1 0.3 0 1-0.9t0.9-0.9zM14 26.9q2.3 0 4.3-0.9t3.6-2.4 2.4-3.6 0.9-4.3-0.9-4.3-2.4-3.6-3.6-2.4-4.3-0.9-4.3 0.9-3.6 2.4-2.4 3.6-0.9 4.3q0 3.6 2.1 6.6l-1.4 4.2 4.3-1.4q2.8 1.9 6.2 1.9zM14 2.2q2.7 0 5.2 1.1t4.3 2.9 2.9 4.3 1.1 5.2-1.1 5.2-2.9 4.3-4.3 2.9-5.2 1.1q-3.5 0-6.5-1.7l-7.4 2.4 2.4-7.2q-1.9-3.2-1.9-6.9 0-2.7 1.1-5.2t2.9-4.3 4.3-2.9 5.2-1.1z\"\/><\/svg><\/span><\/a><\/li><li class=\"shariff-button facebook shariff-nocustomcolor\" style=\"background-color:#4273c8\"><a href=\"https:\/\/www.facebook.com\/sharer\/sharer.php?u=https%3A%2F%2Fwww.zist.de%2Fblog%2F2023%2F04%2F26%2Fdankbarkeit-wolf-buentig%2F\" title=\"Bei Facebook teilen\" aria-label=\"Bei Facebook teilen\" role=\"button\" rel=\"nofollow\" class=\"shariff-link\" style=\"; background-color:#3b5998; color:#fff\" target=\"_blank\"><span class=\"shariff-icon\" style=\"\"><svg width=\"32px\" height=\"20px\" xmlns=\"http:\/\/www.w3.org\/2000\/svg\" viewBox=\"0 0 18 32\"><path fill=\"#3b5998\" d=\"M17.1 0.2v4.7h-2.8q-1.5 0-2.1 0.6t-0.5 1.9v3.4h5.2l-0.7 5.3h-4.5v13.6h-5.5v-13.6h-4.5v-5.3h4.5v-3.9q0-3.3 1.9-5.2t5-1.8q2.6 0 4.1 0.2z\"\/><\/svg><\/span><\/a><\/li><li class=\"shariff-button mailto shariff-nocustomcolor\" style=\"background-color:#a8a8a8\"><a href=\"mailto:?body=https%3A%2F%2Fwww.zist.de%2Fblog%2F2023%2F04%2F26%2Fdankbarkeit-wolf-buentig%2F&subject=DANKBARKEIT%20%7C%20Wolf%20B%C3%BCntig\" title=\"Per E-Mail versenden\" aria-label=\"Per E-Mail versenden\" role=\"button\" rel=\"noopener nofollow\" class=\"shariff-link\" style=\"; background-color:#999; color:#fff\"><span class=\"shariff-icon\" style=\"\"><svg width=\"32px\" height=\"20px\" xmlns=\"http:\/\/www.w3.org\/2000\/svg\" viewBox=\"0 0 32 32\"><path fill=\"#999\" d=\"M32 12.7v14.2q0 1.2-0.8 2t-2 0.9h-26.3q-1.2 0-2-0.9t-0.8-2v-14.2q0.8 0.9 1.8 1.6 6.5 4.4 8.9 6.1 1 0.8 1.6 1.2t1.7 0.9 2 0.4h0.1q0.9 0 2-0.4t1.7-0.9 1.6-1.2q3-2.2 8.9-6.1 1-0.7 1.8-1.6zM32 7.4q0 1.4-0.9 2.7t-2.2 2.2q-6.7 4.7-8.4 5.8-0.2 0.1-0.7 0.5t-1 0.7-0.9 0.6-1.1 0.5-0.9 0.2h-0.1q-0.4 0-0.9-0.2t-1.1-0.5-0.9-0.6-1-0.7-0.7-0.5q-1.6-1.1-4.7-3.2t-3.6-2.6q-1.1-0.7-2.1-2t-1-2.5q0-1.4 0.7-2.3t2.1-0.9h26.3q1.2 0 2 0.8t0.9 2z\"\/><\/svg><\/span><\/a><\/li><\/ul><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>DANKBARKEIT Ein Text von Wolf B\u00fcntig Es schneit \u2013 ganz fein. 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