{"id":5163,"date":"2023-11-08T13:31:45","date_gmt":"2023-11-08T12:31:45","guid":{"rendered":"https:\/\/www.zist.de\/blog\/?p=5163"},"modified":"2023-11-13T13:38:21","modified_gmt":"2023-11-13T12:38:21","slug":"das-eigene-geistige-sein-nelles","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.zist.de\/blog\/2023\/11\/08\/das-eigene-geistige-sein-nelles\/","title":{"rendered":"DAS EIGENE GEISTIGE SEIN | Nelles"},"content":{"rendered":"<div class=\"shariff shariff-align-left shariff-widget-align-left\"><div class=\"ShariffHeadline\">Diesen Beitrag teilen <\/div><ul class=\"shariff-buttons theme-round orientation-horizontal buttonsize-large\"><li class=\"shariff-button whatsapp shariff-nocustomcolor\" style=\"background-color:#5cbe4a\"><a href=\"https:\/\/api.whatsapp.com\/send?text=https%3A%2F%2Fwww.zist.de%2Fblog%2F2023%2F11%2F08%2Fdas-eigene-geistige-sein-nelles%2F%20DAS%20EIGENE%20GEISTIGE%20SEIN%20%7C%20Nelles\" title=\"Bei Whatsapp teilen\" aria-label=\"Bei Whatsapp teilen\" role=\"button\" rel=\"noopener nofollow\" class=\"shariff-link\" style=\"; background-color:#34af23; color:#fff\" target=\"_blank\"><span class=\"shariff-icon\" style=\"\"><svg width=\"32px\" height=\"20px\" xmlns=\"http:\/\/www.w3.org\/2000\/svg\" viewBox=\"0 0 32 32\"><path fill=\"#34af23\" d=\"M17.6 17.4q0.2 0 1.7 0.8t1.6 0.9q0 0.1 0 0.3 0 0.6-0.3 1.4-0.3 0.7-1.3 1.2t-1.8 0.5q-1 0-3.4-1.1-1.7-0.8-3-2.1t-2.6-3.3q-1.3-1.9-1.3-3.5v-0.1q0.1-1.6 1.3-2.8 0.4-0.4 0.9-0.4 0.1 0 0.3 0t0.3 0q0.3 0 0.5 0.1t0.3 0.5q0.1 0.4 0.6 1.6t0.4 1.3q0 0.4-0.6 1t-0.6 0.8q0 0.1 0.1 0.3 0.6 1.3 1.8 2.4 1 0.9 2.7 1.8 0.2 0.1 0.4 0.1 0.3 0 1-0.9t0.9-0.9zM14 26.9q2.3 0 4.3-0.9t3.6-2.4 2.4-3.6 0.9-4.3-0.9-4.3-2.4-3.6-3.6-2.4-4.3-0.9-4.3 0.9-3.6 2.4-2.4 3.6-0.9 4.3q0 3.6 2.1 6.6l-1.4 4.2 4.3-1.4q2.8 1.9 6.2 1.9zM14 2.2q2.7 0 5.2 1.1t4.3 2.9 2.9 4.3 1.1 5.2-1.1 5.2-2.9 4.3-4.3 2.9-5.2 1.1q-3.5 0-6.5-1.7l-7.4 2.4 2.4-7.2q-1.9-3.2-1.9-6.9 0-2.7 1.1-5.2t2.9-4.3 4.3-2.9 5.2-1.1z\"\/><\/svg><\/span><\/a><\/li><li class=\"shariff-button facebook shariff-nocustomcolor\" style=\"background-color:#4273c8\"><a href=\"https:\/\/www.facebook.com\/sharer\/sharer.php?u=https%3A%2F%2Fwww.zist.de%2Fblog%2F2023%2F11%2F08%2Fdas-eigene-geistige-sein-nelles%2F\" title=\"Bei Facebook teilen\" aria-label=\"Bei Facebook teilen\" role=\"button\" rel=\"nofollow\" class=\"shariff-link\" style=\"; background-color:#3b5998; color:#fff\" target=\"_blank\"><span class=\"shariff-icon\" style=\"\"><svg width=\"32px\" height=\"20px\" xmlns=\"http:\/\/www.w3.org\/2000\/svg\" viewBox=\"0 0 18 32\"><path fill=\"#3b5998\" d=\"M17.1 0.2v4.7h-2.8q-1.5 0-2.1 0.6t-0.5 1.9v3.4h5.2l-0.7 5.3h-4.5v13.6h-5.5v-13.6h-4.5v-5.3h4.5v-3.9q0-3.3 1.9-5.2t5-1.8q2.6 0 4.1 0.2z\"\/><\/svg><\/span><\/a><\/li><li class=\"shariff-button mailto shariff-nocustomcolor\" style=\"background-color:#a8a8a8\"><a href=\"mailto:?body=https%3A%2F%2Fwww.zist.de%2Fblog%2F2023%2F11%2F08%2Fdas-eigene-geistige-sein-nelles%2F&subject=DAS%20EIGENE%20GEISTIGE%20SEIN%20%7C%20Nelles\" title=\"Per E-Mail versenden\" aria-label=\"Per E-Mail versenden\" role=\"button\" rel=\"noopener nofollow\" class=\"shariff-link\" style=\"; background-color:#999; color:#fff\"><span class=\"shariff-icon\" style=\"\"><svg width=\"32px\" height=\"20px\" xmlns=\"http:\/\/www.w3.org\/2000\/svg\" viewBox=\"0 0 32 32\"><path fill=\"#999\" d=\"M32 12.7v14.2q0 1.2-0.8 2t-2 0.9h-26.3q-1.2 0-2-0.9t-0.8-2v-14.2q0.8 0.9 1.8 1.6 6.5 4.4 8.9 6.1 1 0.8 1.6 1.2t1.7 0.9 2 0.4h0.1q0.9 0 2-0.4t1.7-0.9 1.6-1.2q3-2.2 8.9-6.1 1-0.7 1.8-1.6zM32 7.4q0 1.4-0.9 2.7t-2.2 2.2q-6.7 4.7-8.4 5.8-0.2 0.1-0.7 0.5t-1 0.7-0.9 0.6-1.1 0.5-0.9 0.2h-0.1q-0.4 0-0.9-0.2t-1.1-0.5-0.9-0.6-1-0.7-0.7-0.5q-1.6-1.1-4.7-3.2t-3.6-2.6q-1.1-0.7-2.1-2t-1-2.5q0-1.4 0.7-2.3t2.1-0.9h26.3q1.2 0 2 0.8t0.9 2z\"\/><\/svg><\/span><\/a><\/li><\/ul><\/div><h3 data-pm-slice=\"1 1 []\">Das Eintreten in das eigene geistige Sein<\/h3>\n<h3 data-pm-slice=\"1 1 []\">Interview mit Dr. Wilfried Nelles und Malte Nelles<\/h3>\n<p data-pm-slice=\"1 1 []\"><em>2011 entwickelte Dr. Wilfried Nelles ein neuartiges Aufstellungsverfahren, das er Lebensintegrationsprozess (LIP) nennt. In diesem Prozess geht es, anders als in der klassischen Aufstellungsarbeit, nicht um die Beziehung zu anderen \u2013 Familie, Beziehung, Organisation, System &#8230; \u2013, sondern einzig um die Beziehung zu sich selbst, um die volle Zustimmung zum eigenen Sein und \u2013 unterst\u00fctzt durch die dadurch gewonnene Kraft \u2013 um die Entfaltung des ureigenen, uns innewohnenden Potentials. Die Methode bedient sich wie im Familienstellen der Auswahl von Stellvertretern, hier ausschlie\u00dflich f\u00fcr die eigene Person in verschiedenen Lebensphasen. Dem LIP liegt die von Dr. Wilfried Nelles entwickelte Theorie von sieben Bewusstseins- und Lebensstufen zugrunde, die sowohl die Entwicklung von Bewusstsein in Gesellschaften als auch bei Individuen beschreibt.<\/em><\/p>\n<p data-pm-slice=\"1 1 []\"><em>Das Interview f\u00fchrte Bunda S. Watermeier im September 2015.<\/em><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"386\" class=\"alignnone size-large wp-image-5165\" src=\"https:\/\/www.zist.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/Wilfried-Nelles-und-Malte-Nelles-1024x386.jpg\" alt=\"Wilfried und Malte Nelles\" data-wp-editing=\"1\" srcset=\"https:\/\/www.zist.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/Wilfried-Nelles-und-Malte-Nelles-980x370.jpg 980w, https:\/\/www.zist.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/Wilfried-Nelles-und-Malte-Nelles-480x181.jpg 480w\" sizes=\"(min-width: 0px) and (max-width: 480px) 480px, (min-width: 481px) and (max-width: 980px) 980px, (min-width: 981px) 1024px, 100vw\" \/><\/p>\n<p><em>Bunda S. Watermeier<\/em>: Wilfried, du hast \u00fcber viele Jahre in enger Verbundenheit mit Bert Hellinger mit dem Familienstellen gearbeitet. Wie und warum entstand deine neue Methode, der Lebensintegrationsprozess?<\/p>\n<p><em>Dr. Wilfried Nelles<\/em>: Das hat sich einfach ergeben. Es gab f\u00fcr mich ein paar ungekl\u00e4rte Fragen beim Familienstellen, vor allem fehlte mir eine psychologische Theorie. Hellinger ist im Grunde ganz untheoretisch, er hatte nur einige theoretische Fragmente wie seine Thesen zum Gewissen und das, was er\u00a0<em>Ordnungen der Liebe<\/em>\u00a0nennt. Da ist einiges richtig dran, aber auch einiges falsch. Und die Systemtheorie, auf die sich die meisten Familiensteller mehr oder weniger beziehen, ist \u00fcberhaupt keine psychologische Theorie, sie geh\u00f6rt zur Soziologie und reduziert den Menschen auf seine Funktion in Systemen. Also, da gab es offene Fragen, aber die haben mehr im Verborgenen in mir gearbeitet, ich hatte nie die Absicht, etwas anderes als Familienstellen zu machen.<\/p>\n<p>Dann habe ich pl\u00f6tzlich auf einer langen Autofahrt die Stufen der Bewusstseinsentwicklung gesehen. Ich kann es nicht anders sagen, sie waren pl\u00f6tzlich da, und ich bin dann zwei Wochen lang jede Nacht um drei aufgewacht und habe neue Aspekte gesehen und aufgeschrieben. Ich habe dann das Buch\u00a0<em>Das Leben hat keinen R\u00fcckw\u00e4rtsgang<\/em>\u00a0geschrieben. Mir war dabei von Anfang an klar, dass das die Basis f\u00fcr eine neue Arbeit sein w\u00fcrde, aber es hat etwa vier Jahre gedauert, bis sich diese Arbeit gezeigt hat \u2013 und das geschah ebenso pl\u00f6tzlich und unerwartet wie das Auftauchen der Bewusstseinsstufen. Ich plane oder entwerfe so etwas nicht, es geschieht einfach von selbst \u2013 oder auch nicht. Ich lasse mich davon tragen wie von einer Welle oder Str\u00f6mung im Wasser, ohne zu wissen oder auch nur zu fragen, wohin sie mich tragen.<\/p>\n<p><em>Bunda S. Watermeier<\/em>: Du hast mal erz\u00e4hlt, dass es beispielsweise in China, wo du h\u00e4ufig Workshops leitest, schwierig ist, mit dem LIP zu arbeiten. Was braucht es f\u00fcr den LIP?<\/p>\n<p><em>Dr. Wilfried Nelles<\/em>: Der LIP ist die psychologische Antwort auf die Probleme des modernen Bewusstseins. Er zeigt, wo unsere seelische Reise hingehen kann, wenn die Halt gebenden Inhalte und Formen des traditionellen Bewusstseins verdampft sind und im Innern der Menschen nicht mehr wirken. Im Grunde setzt er dort an, wo die herk\u00f6mmliche Psychotherapie (abgesehen von C. G. Jung und einigen seiner Nachfolger) aufh\u00f6rt. Ganz verk\u00fcrzt: Das traditionelle Bewusstsein sagt: Erst kommt die Gruppe (meine Familie, mein Stamm, mein Volk, mein Land &#8230;), dann komme ich; oder: zuerst kommen meine Pflichten, dann (wenn \u00fcberhaupt) meine W\u00fcnsche, mein eigenes Leben. Im modernen Bewusstsein ist es umgekehrt: Erst komme ICH &#8230;<\/p>\n<p>Im LIP gehen wir \u00fcber beides hinaus, indem wir fragen: Was will\u00a0<em>das Leben<\/em>\u00a0von mir, was will sich durch meine Existenz, durch mein Leben, in mir und durch mich verwirklichen? Oder: Was ist der Kern, der Samen in mir, der aufgehen, sich entwickeln und Gestalt annehmen will? K\u00f6rperlich ist unser Samen bereits aufgegangen, aber ist er das auch geistig und seelisch? Bin ich die oder der, der in mir angelegt ist?<\/p>\n<p>In L\u00e4ndern, die, wie China, gerade erst dabei sind, in die Moderne einzutreten, ist das eine unerh\u00f6rte Frage, die nur ganz wenige verstehen. Die Menschen dort werden in wenigen Jahrzehnten durch eine Entwicklung geschleudert, die in Europa ein paar hundert Jahre gedauert hat, und viele junge Chinesen suchen nach Antworten, die \u00fcber ICH, ICH, ICH hinausweisen. Die chinesische Gesellschaft ist, zumindest in den St\u00e4dten, hoch modern in ihrer \u00e4u\u00dferen Lebensweise, bez\u00fcglich ihrer Lebenserwartungen und W\u00fcnsche unterscheiden sich die J\u00fcngeren kaum von denen in Europa oder Amerika, aber innerlich sind sie noch fast ganz im Gruppenbewusstsein. Das Individuelle dr\u00fcckt sich dann nur \u00fcber den Konsum aus. Zugleich sind die wirklich Intelligenten innerlich zerrissen zwischen traditionellen Leitbildern, die im Innern noch sehr wirksam sind, und den Anforderungen des modernen Lebens. Zum Beispiel war eine moderne junge Frau (eine bekannte Fernsehmoderatorin) vor ein paar Wochen in meiner internationalen Sommerakademie in Nettersheim. Sie war ganz verzweifelt, weil es ihr nicht gelang, ihre Schwiegermutter gl\u00fccklich zu machen. In ihrem Verst\u00e4ndnis war das ihre Pflicht. Zugleich aber hatte sie das tiefe Bed\u00fcrfnis, sich selbst zu erfahren und zu leben.<\/p>\n<p>Ich merke, dass bei diesen Menschen pl\u00f6tzlich ein Licht aufgeht, wenn sie sehen, dass es eine Perspektive gibt, die den Gegensatz von\u00a0<em>Ich oder die Gruppe\/Pflicht\u00a0<\/em>ernst nimmt und zugleich aufhebt.<\/p>\n<p><em>Malte Nelles<\/em>: Die Erfahrung bei der Arbeit in China ist eine nicht ganz unheikle. Auf der einen Seite ist es so, dass wir mit dem Erfahrungsschatz des Westens psychologisch betrachtet einen gewissen Vorsprung haben hinsichtlich der Frage, wie wir mit dem Gegensatz der Moderne zwischen individueller Entfaltung und kollektiven Werten und Pflichten umgehen k\u00f6nnen. Damit kann man als Therapeut Hilfestellungen bei der Geburt des modernen Ich-Bewusstseins leisten und helfen, mit den unvermeidlichen Geburtsschmerzen besser zurechtzukommen. Gleichzeitig kann und sollte dies aber nicht im Geist einer kulturellen Anma\u00dfung geschehen. Es gelingt nur im tiefsten Respekt gegen\u00fcber den kollektiven Werten und den Menschen und, wie ich es gerne nennen m\u00f6chte, der chinesischen Seele. Beim Blick auf L\u00e4nder wie China vergessen wir allzu oft, welche Irrungen und Wirrungen und welch ungeheuren Blutzoll den Modernisierungsprozess in Europa gekostet hat und auch, wie ratlos wir heute vor vielen Problemen stehen, die unser eigener Weg in die Moderne erzeugt hat und weiterhin erzeugt. Wenn wir uns die Jahrtausende alte chinesische Hochkultur anschauen, wird vollkommen klar, dass man in China eigene Antworten auf die gro\u00dfe Frage des Verh\u00e4ltnisses zwischen Individuum und Kollektiv finden wird. Und nicht wenige hiervon werden dann wahrscheinlich auch im Umkehrschluss unser Bewusstsein im Westen ver\u00e4ndern, wie es beispielsweise die traditionelle chinesische Medizin, Leibesdisziplinen wie Qi Gong oder die Philosophie der alten buddhistischen oder taoistischen Weisen bereits tun. Als Aufsteller, der in China mit dem LIP arbeitet, f\u00fchle ich mich ein bisschen wie eine Hebamme: man hilft ganz kurz in oft schmerzhaften Prozessen dabei, etwas Neues auf die Welt kommen zu lassen, und dann entfernt man sich und w\u00fcnscht das Beste, ohne erahnen zu k\u00f6nnen, was daraus wird.<\/p>\n<p>Sehr spannend ist \u00fcber die Arbeit in China auch die Chance zum Perspektivwechsel auf die Welt, in der wir leben. Wenn man sich mal im Ganzen auf die Macht und Kraft des Gruppenbewusstseins in China einl\u00e4sst, sieht man auf einmal viel klarer die R\u00fcckseite unserer individuellen Freiheit: die Ich-Gesellschaft mit ihrer ganzen Beliebigkeit und ihrem konsumistischen Nihilismus, unter dem so viele im Verborgenen leiden. Ich denke, deine Theorie (zu Dr. Wilfried Nelles) von den Bewusstseinsstufen ist sicher auch dadurch mit entstanden, dass du die M\u00f6glichkeit dieser Au\u00dfenperspektive auf unsere europ\u00e4ische Weltsicht hattest.<\/p>\n<p><em>Dr. Wilfried Nelles<\/em>: Da ist wohl was Wahres dran, jedenfalls habe ich viele neue Entdeckungen in der Aufstellungsarbeit zun\u00e4chst im Ausland, und hier vor allem in Asien, gemacht. Auch deshalb, weil ich mich in der Fremde freier f\u00fchle und nicht so gebunden bin durch das eigene Feld. Letzteres, die Bindung im eigenen Feld, hat dann aber wieder dazu gef\u00fchrt, dass das Ganze auch Wurzeln oder, landl\u00e4ufig gesprochen, Hand und Fu\u00df bekommen hat.<\/p>\n<p><em>Bunda S. Watermeier<\/em>: Die LIP Aufstellungen haben nicht das Anliegen, konkrete Probleme zu l\u00f6sen. Doch \u00e4u\u00dfern Menschen oft eine empfundene Diskrepanz von Sein und Bewusstsein und deren Auswirkungen wie Stress, Unzufriedenheit mit sich und dem eigenen Leben, dem Gef\u00fchl, ein fremdbestimmtes, nicht eigenes Leben zu leben. Warum haben wir meist so ein Problem damit, unsere Vergangenheit und unser Leben, so wie es ist, als alternativlos anzunehmen?<\/p>\n<p><em>Dr. Wilfried Nelles<\/em>: Weil sich dann unser gesamtes Welt- und Selbstbild \u00e4ndern w\u00fcrde. Wir leben alle im Konjunktiv \u2013 h\u00e4tte, k\u00f6nnte, w\u00e4re, wenn &#8230; \u2013 und das h\u00e4ngt mit unserem Denken zusammen, damit, dass wir in einer gedachten Welt leben anstatt in der wirklichen. Alternativen gibt es nur im Denken. In dem Moment, wo wir handeln \u2013 uns bewegen, sprechen \u2013 oder, anders ausgedr\u00fcckt, wo der Geist ins Physische geht, sich inkarniert, gibt es nur noch das, was ist. In meinen Kursen sage ich oft: Ihr k\u00f6nnt jetzt, in diesem Moment, mit euren Gedanken an jedem Ort der Welt sein oder irgendwo in der Vergangenheit oder einer gedachten Zukunft, aber mit eurem Hintern k\u00f6nnt ihr nirgendwo anders sein als auf dem Stuhl, auf dem ihr jetzt sitzt. Ein Wort, das gesagt wurde, ist gesagt, ein Schritt, der getan wurde, ist getan. Wir sagen dann manchmal, &#8222;das habe ich nicht gewollt&#8220;, aber das \u00e4ndert nichts daran, dass es geschehen ist. Und das bedeutet zweierlei: Erstens, es kann nicht ungeschehen gemacht werden, und zweitens, es ist vorbei. Alles, was war, bleibt, und alles, was war, ist vorbei.<\/p>\n<p>Das sind die beiden Pfeiler des LIP: Wir lassen die Geschichte g\u00e4nzlich unber\u00fchrt, wir schauen sie einfach an, wie sie war oder sich zeigt, und wir lassen sie Geschichte sein, also vorbei sein. Wenn du das wirklich erkennst, bist du frei. Insbesondere bist du frei von der Idee, du k\u00f6nntest ein anderer sein als der, der du bist. Damit tritt eine gro\u00dfe Entspannung ein, und zwar ganz von selbst, ohne Entspannungs\u00fcbungen.<\/p>\n<p>F\u00fcr das moderne Bewusstsein ist das aber ein schrecklicher Gedanke. Es bedeutet n\u00e4mlich, dass sich die Idee der Selbstbestimmung in Luft aufl\u00f6st. Das moderne Bewusstsein\u00a0<em>besteht<\/em>\u00a0geradezu aus dieser Idee, dass wir unser Leben selbst bestimmen k\u00f6nnen. Wir halten das f\u00fcr eine gro\u00dfartige Errungenschaft. Tats\u00e4chlich jedoch ist sie die Wurzel all unseres seelischen Leidens und sie geht vollst\u00e4ndig an der Wirklichkeit vorbei. Niemand hat bestimmt, von wem er abstammt und wann, wo und unter welchen Umst\u00e4nden er geboren wurde, niemand bestimmt, wann, wie und woran er stirbt. Das Leben geschieht einfach, ganz unabh\u00e4ngig von unserem Wollen und unseren Ideen. Das gilt nicht nur f\u00fcr Anfang und Ende, es gilt in jeder Sekunde. Wir machen jetzt ein Interview und wir denken, wir tun das, weil wir es wollen. Ich glaube da nicht mehr dran, ich denke, all dies geschieht einfach. Wir sind wie die Schauspieler in einem Theaterst\u00fcck, die alle mit vollem Ernst und voller Hingabe eine Rolle spielen, die Autor und Regisseur ihnen vorgeben. Unser St\u00fcck hier hei\u00dft\u00a0<em>mein Leben<\/em>, und Autor wie Regisseur ist das Leben selbst.<\/p>\n<p><em>Bunda S. Watermeier<\/em>: Welche Rolle spielt das, was wir als unsere Seele bezeichnen, dabei?<\/p>\n<p><em>Dr. Wilfried Nelles<\/em>: Die Frage nach der Seele ist eine unserer ganz gro\u00dfen Fragen. Bei solchen Fragen gibt es nie definitive Antworten, nie ein So-ist-es. Nur soviel: wir neigen dazu, Seele als etwas rein Pers\u00f6nliches und Gegenst\u00e4ndliches aufzufassen, etwa in dem Sinne: Der Mensch hat eine Seele. Und dann will oder soll man definieren, was das ist. Und der Psychologe soll dann der Spezialist f\u00fcr dieses Organ sein, wie der Kardiologe der Spezialist f\u00fcr das Herz ist. Die Seele ist aber kein Ding, kein Gegenstand, den man hat, nicht so etwas wie ein k\u00f6rperliches oder geistiges Organ. Das Wort Seele verweist auf eine ganz andere Dimension, n\u00e4mlich die Dimension des Seelischen, in der sich unser Leben vollzieht, und zwar im Einzelnen wie im Ganzen.<\/p>\n<p><em>Malte Nelles<\/em>: Wir schlie\u00dfen uns hier an den jungianischen Theoretiker Wolfgang Giegerich an. F\u00fcr Giegerich ist die Seele eine lebendige, den Einzelnen weit \u00fcbersteigende Bewegung, die in Kultur, Geschichte und Sprache ihren Ausdruck findet. Der Einzelne ist in einem solchen Verst\u00e4ndnis gleichzeitig Rezipient wie auch Ort des Erschaffens von Seele. Dies entspricht Hellingers sch\u00f6nem Wort, dass wir nicht eine Seele (in uns)\u00a0<em>haben<\/em>, sondern\u00a0<em>in<\/em>\u00a0der Seele sind. Es entspricht auch dem Konzept des kollektiven Bewusstseins, wie es mein Vater in seinen B\u00fcchern ausgearbeitet hat. Seele hat in einem solchen Verst\u00e4ndnis zwei Aspekte: Eine uns umfassende, unpers\u00f6nliche Dimension, und eine, die zutiefst pers\u00f6nlich als unser innerstes Wesen und unser subjektives Sosein in der Welt erfahren wird. Energetisch assoziiere ich Seele mit Bewegung, als Tanz des geistigen \u2013 das hei\u00dft sich selbst-bewussten \u2013 Lebens auf dem biologischen Leben, das wiederum auf der toten Materie tanzt. Ein Musikst\u00fcck bekommt in dem Moment Seele, wo es gespielt wird, das hei\u00dft in Bewegung versetzt wird \u2013 ohne dies ist es nicht mehr als geistiges Potential.<\/p>\n<p>Hier l\u00e4sst sich die Br\u00fccke zum LIP schlagen. Wir kommen in dem Moment mit unserer Seele in Kontakt, in dem wir den Funken unseres Bewusstseins auf dieses uns eigene, innere Potential werfen. Dann entsteht Seele und Leben. Und gleichzeitig vollzieht sich dies alles in einem gr\u00f6\u00dferen kulturellen Raum, der uns inspiriert, uns Geist oder Seele einhaucht, aber auch die Grenzen unseres Werdens und Bewusstseins setzt.<\/p>\n<p>Noch eine Anmerkung hierzu, da der Begriff Seele meist auch etwas romantisch Verkl\u00e4rtes in sich tr\u00e4gt. Wenn wir die Seele als Hintergrundbewegung des menschlichen Ausdrucks in Kultur sowie unseres pers\u00f6nlichen Leben begreifen, muss auch der (von uns so empfundenen) dunklen Seite der Seele ihr Platz einger\u00e4umt werden, also auch all den Gr\u00e4ueltaten, zu denen wir, wie die Geschichte und die heutige Lebensrealit\u00e4t zeigen, f\u00e4hig sind. Auch das sind \u00c4u\u00dferungen der Seele.<\/p>\n<p><em>Bunda S. Watermeier<\/em>: Worin unterscheiden sich unsere Vorstellungen und Wahrnehmungen in den verschiedenen Phasen unseres Lebens?<\/p>\n<p><em>Dr. Wilfried Nelles<\/em>: Wir beginnen in einer Symbiose mit der Mutter und dementsprechend schwingen wir einfach mit ihr mit. Ihre \u00c4ngste sind auch meine \u00c4ngste, ihre Freude ist auch meine Freude, aber ohne dass ich die Gef\u00fchle Angst und Freude bereits kenne, auch ohne dass ich den Unterschied zwischen mir und meiner Mutter kenne. Das Bewusstsein, das sich hier entwickelt, nenne ich\u00a0<em>symbiotisches Einheitsbewusstsein<\/em>.<\/p>\n<p>Mit der Geburt fallen wir aus dieser Einheit heraus, das Leben trennt uns einfach, ohne uns zu fragen. Da wir allein nicht \u00fcberleben k\u00f6nnen, brauchen wir die Bindung und die Liebe der Mutter \u2013 neutral gesagt: ein Gef\u00fchl, dass wir in Sicherheit sind, dass jemand f\u00fcr uns da ist. Und zwar immer, wenn wir ihn brauchen. Hier entwickelt sich das pers\u00f6nliche F\u00fchlen. Und wir tun alles, was wir k\u00f6nnen, um uns eine sichere Zugeh\u00f6rigkeit zu erhalten, weil davon unser Leben abh\u00e4ngt. Zugleich empfinden wir schon einen Konflikt zwischen dem, was die anderen, in erster Linie die Eltern, von uns erwarten, und einem vagen Gef\u00fchl f\u00fcr etwas Eigenes, was damit oft nicht \u00fcbereinstimmt. Aber letztlich hat die Gruppe Vorrang, weil daran mein Leben h\u00e4ngt. Wir leben im Gruppenbewusstsein, im Wir-Bewusstsein. Ein Kind kann zwar Ich sagen, aber dieses Ich ist immer ein Teil einer Gruppe, normalerweise der Familie. Die Gruppe steht immer vor und \u00fcber dem Ich, und das Ich \u00e4u\u00dfert sich nur innerhalb dieser Gruppe. Nach au\u00dfen dominiert das Wir.<\/p>\n<p>Genauso ist es in allen vormodernen Gesellschaften \u2013 die Familie oder Sippe, die Ethnie, die Religion, die Nation et cetera bildet den Rahmen, innerhalb dessen sich das Ich bewegen kann. Das \u00e4u\u00dfert sich dann in so banalen Dingen, dass etwa ein Polizist in Afghanistan einem Verwandten kein Kn\u00f6llchen aufbrummen kann \u2013 wir Europ\u00e4er sagen dann, dass ist Vetternwirtschaft oder, wenn es um gr\u00f6\u00dfere Dinge geht, Korruption, aber im Gruppenbewusstsein geht das einfach nicht, ohne dass man riskiert, nicht mehr zur Familie zu geh\u00f6ren, und das ist schrecklich, dann ist man in einer solchen Kultur mehr oder weniger verloren.<\/p>\n<p>In der Jugend kehrt sich das um. Hier beginnt unsere geistige Geburt, wir wollen wir selbst sein. Jetzt \u00fcbernimmt das Denken die Herrschaft und mit ihm das Ich-Bewusstsein. Alles wird vor den Altar des Ich gelegt und hat sich dort zu rechtfertigen. Denken ist ein negativer Vorgang, es beruht auf dem Zweifel und stellt alles in Frage. Deshalb f\u00fchrt es am Ende ins Nichts. Denken und Zweifeln ist wichtig, weil wir nur so die Begrenztheit, die Zeitgebundenheit der Vorstellungen, die uns mitgegeben und anerzogen wurden, durchschauen k\u00f6nnen, aber es l\u00e4sst uns auch leer und am Ende ganz allein zur\u00fcck. Das, was man heute den autonomen, selbstbestimmten Menschen nennt, der sein Ich, seinen scheinbar ganz subjektiven Lebensentwurf verwirklicht, ist, auf Deutsch gesagt, eine\u00a0<em>arme Sau<\/em>. Er\/sie steht n\u00e4mlich mutterseelenallein in einer leeren, sinnlosen Welt. Genauer gesagt, er steht nicht mehr\u00a0<em>in<\/em>\u00a0der Welt, sondern\u00a0<em>dar\u00fcber<\/em>. Dieses Dar\u00fcberstehen macht unsere Einsamkeit aus.<\/p>\n<p>Das Erwachsensein ist der erste Schritt in diese offene, unbestimmte Welt \u2013 ohne Sicherheit, ohne Kontrolle, ohne den Halt der Tradition. Halt oder Sinn oder Bedeutung finden wir dann nur noch im Hier und Jetzt, im Eintauchen in die lebendige Schwingung des jeweiligen Augenblicks. Wirklich erwachsen ist man, wenn man diesen Schritt bewusst tut, in voller Bewusstheit und Zustimmung zu dieser Offenheit und Unsicherheit und seinem Alleinsein. Das ist nat\u00fcrlich ein ganz anderes Konzept von Erwachsensein als das allgemein vorherrschende. Es geht im Sinne des Wortes um das Herauswachsen aus allem Kindlichen, aus allem, was uns vorgesagt wurde, um das Finden einer jeweils eigenen und jeweils neuen, ganz und gar frischen Antwort auf das Leben, wie es uns im jeweiligen Augenblick begegnet. Das bedeutet zugleich, wirklich ver-antwortlich zu sein \u2013 dem Leben antworten.<\/p>\n<p>Hier herrscht nicht das Denken vor, auch nicht das F\u00fchlen (wie beim Kind) oder das sinnliche Sp\u00fcren (wie beim Ungeborenen), sondern die geistige Wahrnehmung. Wahrnehmung ist immer im Augenblick, Denken und F\u00fchlen sind Echos der Vergangenheit. Dabei erfahren wir dann, was sich aus unserem Samen entfalten will, wer wir wirklich sind, jenseits von unseren Ideen, W\u00fcnschen oder Lebensentw\u00fcrfen. Dazu muss man sich sozusagen vom Mutterscho\u00df \u00fcber den Scho\u00df der Familie in den Scho\u00df des Lebens selbst fallen lassen. Damit beginnt erst unsere ganz eigene geistige Reise, die uns dann auch in die n\u00e4chsten Stufen f\u00fchrt.<\/p>\n<p><em>Bunda S. Watermeier<\/em>: Es braucht Mut, sich so direkt dem Gewahrwerden des eigenen Potentials zu stellen. Wir gew\u00f6hnen uns ja irgendwie daran zu jammern, uns selbst zu bedauern, zu sagen, dass, wenn unsere Eltern, Lehrer und so weiter uns anders unterst\u00fctzt h\u00e4tten, k\u00f6nnten wir dieses oder jenes tun oder sein &#8230;<\/p>\n<p><em>Dr. Wilfried Nelles<\/em>: Ich w\u00fcrde eher sagen, es braucht viel Leidensdruck. Wenn man gewisse Dinge einmal wirklich gesehen hat, dann l\u00e4sst einen diese Erkenntnis nicht mehr los. Manchmal qu\u00e4lt sie einen regelrecht.<\/p>\n<p><em>Bunda S. Watermeier<\/em>: Wenn sich durch das Annehmen unserer Vergangenheit unsere innere Haltung zu uns selbst ver\u00e4ndert und wir entspannen, stehen wir dann vor einer neuen Herausforderung? N\u00e4mlich der, unser Potential zu leben?<\/p>\n<p><em>Dr. Wilfried Nelles<\/em>: Nein, das lebt sich von selbst. Das Leben lebt sich selbst, wir sind nur der Ausdruck davon, einer von unz\u00e4hligen Ausdrucksformen dieses Vorgangs, den wir leben nennen. Letztendlich geht es darum, das zu sehen und zu verstehen. Das bedeutet aber den Tod des Ego, und das geht weit \u00fcber das Thema Erwachsensein hinaus in die Stufen f\u00fcnf und sechs meines Bewusstseinsmodells. Im Bewusstsein der Stufe vier, also dem erwachsenen Selbst-Bewusstsein, sehen wir die Realisierung unseres Potentials in der Tat als neue Herausforderung.<\/p>\n<p><em>Bunda S. Watermeier<\/em>: Was macht uns, abgesehen davon, dass wir erwachsen sind, zu Erwachsenen?<\/p>\n<p><em>Dr. Wilfried Nelles<\/em>: Es gibt zwei Geburten: Eine physische und eine geistige oder psychologische. Die physische Geburt geschieht, wenn die Organe des F\u00f6tus so weit entwickelt sind, dass sie allein funktionieren k\u00f6nnen. Geistig sind wir dann aber vollkommen lebensunf\u00e4hig. Auf sich allein gestellt w\u00fcrde der S\u00e4ugling sterben. Unsere geistigen Organe, die F\u00e4higkeit, sich allein in der Welt zu orientieren, entwickeln sich erst im Laufe der Kindheit. Die Familie ist quasi ein zweiter Mutterleib, ein geistiger und emotionaler Mutterleib, der das Kind so lange tr\u00e4gt, bis auch seine geistig-emotionalen\u00a0<em>Organe<\/em>\u00a0so weit entwickelt sind, dass der Mensch allein funktionieren kann. Dann steht die zweite Geburt an, unsere Geburt als nicht nur k\u00f6rperlich, sondern auch geistig eigenst\u00e4ndiges Wesen. Dazu m\u00fcssen wir aber diesen geistigen Mutterleib, unsere Familie, verlassen. Und zwar nicht nur mit den F\u00fc\u00dfen, sondern auch geistig-seelisch. Sonst k\u00f6nnen wir nicht in unser eigenes Sein eintreten.<\/p>\n<p><em>Malte Nelles<\/em>: Darum geht es beim LIP. Es geht um das Eintreten in dein eigenes geistiges Dasein. C. G. Jung hat das Individuation genannt. Das hat aber nichts mit\u00a0<em>Autonomie\u00a0<\/em>oder<em>\u00a0Selbstbestimmung<\/em>\u00a0zu tun, unser geistiges Dasein ist uns genauso vor- und mitgegeben wie unser k\u00f6rperliches. Es geht vielmehr darum, das zu sein, was du im Innern schon immer bist. Diesen Prozess zu unterst\u00fctzen halten wir f\u00fcr die eigentliche und edelste Aufgabe der Psychologie und Therapie, jedenfalls ist es das, was wir im LIP anbieten.<\/p>\n<p><em>Bunda S. Watermeier<\/em>: Im LIP offenbaren sich diese Potentiale, die uns sonst so h\u00e4ufig verborgen bleiben. Ihr redet davon, dass sich Gro\u00dfes offenbart. Warum ist das immer gro\u00df? Ist das nicht eigentlich ganz normal, gew\u00f6hnlich?<\/p>\n<p><em>Malte Nelles<\/em>: Das Gro\u00dfe ist das Leben selbst. In diesem Sinne ist ein G\u00e4nsebl\u00fcmchen genauso gro\u00df wie eine Eiche.\u00a0<em>Gro\u00df<\/em>\u00a0ist hier kein vergleichender und wertender Begriff. Wenn wir ihn benutzen, dann schwingt darin so etwas wie Ehrfurcht vor dem Leben oder dem Sein mit, und zugleich f\u00e4llt damit die angema\u00dfte Gr\u00f6\u00dfe des Ich vom Sockel, das glaubt, dem Sein seine eigenen Vorstellungen aufdr\u00fccken zu k\u00f6nnen. Aber du hast recht: das ist zugleich alles ganz gew\u00f6hnlich.<\/p>\n<p><em>Bunda S. Watermeier<\/em>: Viele Menschen leiden daran, dass sie meinen, sich ver\u00e4ndern zu m\u00fcssen, um ihr wahres Potential zu entwickeln, um gl\u00fccklich zu sein oder um endlich ihr eigenes Leben zu leben. Sie haben das Gef\u00fchl, fremdbestimmt zu leben oder etwas falsch gemacht zu haben. Wie seht ihr das?<\/p>\n<p><em>Malte Nelles<\/em>: Hier l\u00e4sst sich ein Bild des 2011 verstorbenen jungianischen Therapeuten James Hilman heranziehen. Hilman spricht davon, dass ein Kind zwei Leben gleichzeitig f\u00fchren muss: das Leben, mit dem es geboren wurde, und das der Leute und Orten, bei denen es geboren wurde. Das hei\u00dft: es hat den inneren Drang, dem zu folgen, was es als sein Eigenes \u2013 sicher nicht bewusst \u2013 empfindet, und zum anderen muss es den Werten der Familie und Kultur entsprechen, bei denen und in der es aufw\u00e4chst. Hier entsteht die Spannung zwischen dem, der ich bin, und dem, der ich (in den Augen der anderen) sein soll. Das ist der Beginn fast aller Charakterneurosen und Selbstentfremdungen.<\/p>\n<p>Der LIP bietet hierzu die einfache Perspektive, dass das Gef\u00fchl, nicht sein eigenes, urspr\u00fcngliches Selbst leben zu k\u00f6nnen, der Lebenswirklichkeit des Kindes entspricht, wir aber heute keine Kinder mehr sind, sondern Erwachsene. Der (in seinem Bewusstsein) Erwachsene kann im Gegensatz zum Kind f\u00fcr sich selbst stehen. Er kann zum Beispiel einen Beruf ergreifen oder einen Partner w\u00e4hlen, den seine Eltern nicht m\u00f6gen, der aber seinem Wesen entspricht. Das Kind hingegen muss sich im Fall der F\u00e4lle einf\u00fcgen und den Anforderungen seiner Gruppe gerecht werden.<\/p>\n<p>Um einem Missverst\u00e4ndnis vorzubeugen: Erwachsensein bedeutet f\u00fcr uns nicht, dass man einfach tun kann, was man m\u00f6chte. Das w\u00e4re ein jugendlicher Wunschtraum. In kaum einer anderen Lebensphase sind Menschen so eingebunden wie im Erwachsenenalter, vor allem, wenn sie eigene Kinder bekommen. Aber auch gerade das Sehen der Grenzen kann eine immense Freiheit geben, n\u00e4mlich in der Form, dass nicht gegen, sondern mit der Wirklichkeit gelebt wird. Schmerzhaft wird es an dem Punkt, wo sich das Ich gegen diese Lebenswirklichkeit stellt und innerlich in einer anderen, illusion\u00e4ren M\u00f6glichkeit lebt.<\/p>\n<p>Hierzu ein pers\u00f6nliches Beispiel: Ich w\u00e4re als Jugendlicher gerne Profi-Basketballer geworden, das war mein gro\u00dfer Lebenstraum, dem ich alles untergeordnet habe. Eine langj\u00e4hrige Krankheit und auch meine k\u00f6rperlichen Voraussetzungen (ich bin\u00a0<em>nur<\/em>\u00a01,80 gro\u00df) haben diesen Traum nicht wahr werden lassen. Damit habe ich viele Jahre gehadert, aber es dann schlie\u00dflich hingenommen. Heute, in meinem Beruf als Therapeut, sind die Schmerzen und Krisenerfahrungen, in die und durch die ich vom Leben gezwungen wurde, au\u00dferordentlich hilfreich, und meine durchschnittliche K\u00f6rpergr\u00f6\u00dfe, mit der ich damals sehr gehadert habe, behindert mich nat\u00fcrlich auch nicht. Dies lag seinerzeit in keinster Weise in meinen Lebenserwartungen und W\u00fcnschen. Das Leben hat mich auf seine Weise dort hingef\u00fchrt und heute f\u00fchle ich mich mehr als wohl damit, auch wenn es lange Zeit, im subjektiven Sinne, nicht\u00a0<em>meine Wahl<\/em>\u00a0war.<\/p>\n<p><em>Bunda S. Watermeier<\/em>: Wir sind in unserer Menschlichkeit unvollkommen und daher vollkommen. W\u00fcrdet ihr das auch so sehen?<\/p>\n<p><em>Dr. Wilfried Nelles<\/em>: Ja. Das Leben bewegt sich nur, weil es unvollkommen ist. Vollkommenheit bedeutet Ruhe, absolute Ruhe und Stille, Unvollkommenheit bedeutet Bewegung. Das Sein an sich ist vollkommene Stille, man kann das in der Natur manchmal sp\u00fcren. Es ist die Stille und Ruhe hinter oder in all dem Bewegtsein. In der Erfahrung dieser Stille wird man ganz ruhig und \u00fcberl\u00e4sst sich zugleich der Bewegung des Lebens, wie sie ist.<\/p>\n<p><em>Bunda S. Watermeier<\/em>: Malte, du bist Wilfrieds Sohn und ihr f\u00fchrt gemeinsam das Nelles-Institut. Auch du arbeitest als Therapeut inzwischen mit dem LIP, ihr bildet gemeinsam Therapeuten im LIP aus. Wie wirkt sich diese Vater-Sohn-Dynamik auf deine\/eure Arbeit aus?<\/p>\n<p><em>Malte Nelles<\/em>: Wenn ich nach Nettersheim in meine alte Heimat komme, um dort Gruppen und Ausbildungskurse zu leiten, \u00fcbernachte ich zurzeit noch in meinem alten Kinder- und Jugendzimmer bei meinen Eltern. In der Gruppe sage ich dann oft scherzhaft, dass meine Selbsterfahrung in dieser Konstellation schon mit eingebaut ist \u2013 und ich vermute, dies gilt f\u00fcr uns beide. Was uns hilft, ist ein gro\u00dfer Einklang in der psychologischen Perspektive auf die Seele des Menschen und das Leben im Allgemeinen und auch eine Wertsch\u00e4tzung f\u00fcr die Arbeit des jeweils anderen, die, wie ich glaube, auch jenseits der Vater-Sohn-Verbindung bestehen w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Ich habe vorher viele Jahre eng mit einem anderen Kollegen zusammengearbeitet, wir waren und sind gute Freunde. Die Konstellation mit meinem Vater ist aber nochmal ganz anders. Man kennt sich ja viel besser, meine gesamte Geschichte ist mit meinem Vater verbunden, alles ist pers\u00f6nlich. Und dann arbeiten wir mit anderen Menschen an genau diesen Themen. Da l\u00e4sst sich nichts abtrennen oder unter den Teppich kehren, sonst funktioniert das weder innen noch au\u00dfen. Bindung und Trennung, Zugeh\u00f6rigkeit und man selbst sein, N\u00e4he und Distanz, mit all unseren Arbeitsthemen sind wir auch selbst konfrontiert und m\u00fcssen uns dem stellen. Man muss ganz offen miteinander umgehen und zugleich die jeweilige Individualit\u00e4t achten. Das ist eine Herausforderung, der wir uns bewusst stellen. Bisher funktioniert es nicht nur recht gut, sondern es hilft mir in meinem eigenen Prozess der Lebensintegration und des Erwachsenseins.<\/p>\n<p><em>Dr. Wilfried Nelles<\/em>: Ich m\u00f6chte noch erg\u00e4nzen: Niemand von uns beiden hat so etwas vorausgesehen oder gew\u00fcnscht. Der Impuls ging von Malte aus, im Sinne von: wie wir denken und praktisch arbeiten, das passt doch, das stimmt sehr weitgehend \u00fcberein \u2013 sollen wir es nicht mal gemeinsam versuchen? Ich habe das dann nat\u00fcrlich gerne aufgegriffen. F\u00fcr mich ist es ein unglaubliches und ganz unerwartetes Geschenk, aber auch eine gro\u00dfe Herausforderung. Auch wenn Malte nicht alles von mir wei\u00df (und ich auch nicht von ihm): innerlich kennt er mich durch und durch, ihm kann ich nichts vormachen \u2013 und er mir auch nichts. Die Offenheit, von der Malte spricht, hat nichts damit zu tun, dass wir uns alles erz\u00e4hlen. Ich will von mir aus \u00fcberhaupt nichts aus seinem pers\u00f6nlichen Leben wissen, und von mir selbst erz\u00e4hle ich ihm nur, was er wissen m\u00f6chte, sofern ich das f\u00fcr richtig halte. Aber ich vertraue ihm total. Das macht die Arbeit miteinander auch wieder sehr leicht. Im Ganzen ist es, soweit es gelingt, eine erwachsene Vater-Sohn-Beziehung, eine ganz neue Weise der Begegnung. Im Grunde erfordert die Konstellation, dass wir das leben, was wir lehren.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p data-pm-slice=\"1 1 []\"><span style=\"color: #999999;\">\u00a9 Foto: Malte Nelles und Dr. Wilfried Nelles (von links)<\/span><\/p>\n<hr \/>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<a href='https:\/\/www.zist.de\/de\/programm?eventtype=&#038;speaker=338&#038;eventlang=' class='small-button small#c6475a;' target=\"_blank\">Hier finden Sie die n\u00e4chsten Workshops mit Malte Nelles.<\/a>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div class=\"shariff shariff-align-left shariff-widget-align-left\"><div class=\"ShariffHeadline\">Diesen Beitrag teilen <\/div><ul class=\"shariff-buttons theme-round orientation-horizontal buttonsize-large\"><li class=\"shariff-button whatsapp shariff-nocustomcolor\" style=\"background-color:#5cbe4a\"><a href=\"https:\/\/api.whatsapp.com\/send?text=https%3A%2F%2Fwww.zist.de%2Fblog%2F2023%2F11%2F08%2Fdas-eigene-geistige-sein-nelles%2F%20DAS%20EIGENE%20GEISTIGE%20SEIN%20%7C%20Nelles\" title=\"Bei Whatsapp teilen\" aria-label=\"Bei Whatsapp teilen\" role=\"button\" rel=\"noopener nofollow\" class=\"shariff-link\" style=\"; background-color:#34af23; color:#fff\" target=\"_blank\"><span class=\"shariff-icon\" style=\"\"><svg width=\"32px\" height=\"20px\" xmlns=\"http:\/\/www.w3.org\/2000\/svg\" viewBox=\"0 0 32 32\"><path fill=\"#34af23\" d=\"M17.6 17.4q0.2 0 1.7 0.8t1.6 0.9q0 0.1 0 0.3 0 0.6-0.3 1.4-0.3 0.7-1.3 1.2t-1.8 0.5q-1 0-3.4-1.1-1.7-0.8-3-2.1t-2.6-3.3q-1.3-1.9-1.3-3.5v-0.1q0.1-1.6 1.3-2.8 0.4-0.4 0.9-0.4 0.1 0 0.3 0t0.3 0q0.3 0 0.5 0.1t0.3 0.5q0.1 0.4 0.6 1.6t0.4 1.3q0 0.4-0.6 1t-0.6 0.8q0 0.1 0.1 0.3 0.6 1.3 1.8 2.4 1 0.9 2.7 1.8 0.2 0.1 0.4 0.1 0.3 0 1-0.9t0.9-0.9zM14 26.9q2.3 0 4.3-0.9t3.6-2.4 2.4-3.6 0.9-4.3-0.9-4.3-2.4-3.6-3.6-2.4-4.3-0.9-4.3 0.9-3.6 2.4-2.4 3.6-0.9 4.3q0 3.6 2.1 6.6l-1.4 4.2 4.3-1.4q2.8 1.9 6.2 1.9zM14 2.2q2.7 0 5.2 1.1t4.3 2.9 2.9 4.3 1.1 5.2-1.1 5.2-2.9 4.3-4.3 2.9-5.2 1.1q-3.5 0-6.5-1.7l-7.4 2.4 2.4-7.2q-1.9-3.2-1.9-6.9 0-2.7 1.1-5.2t2.9-4.3 4.3-2.9 5.2-1.1z\"\/><\/svg><\/span><\/a><\/li><li class=\"shariff-button facebook shariff-nocustomcolor\" style=\"background-color:#4273c8\"><a href=\"https:\/\/www.facebook.com\/sharer\/sharer.php?u=https%3A%2F%2Fwww.zist.de%2Fblog%2F2023%2F11%2F08%2Fdas-eigene-geistige-sein-nelles%2F\" title=\"Bei Facebook teilen\" aria-label=\"Bei Facebook teilen\" role=\"button\" rel=\"nofollow\" class=\"shariff-link\" style=\"; background-color:#3b5998; color:#fff\" target=\"_blank\"><span class=\"shariff-icon\" style=\"\"><svg width=\"32px\" height=\"20px\" xmlns=\"http:\/\/www.w3.org\/2000\/svg\" viewBox=\"0 0 18 32\"><path fill=\"#3b5998\" d=\"M17.1 0.2v4.7h-2.8q-1.5 0-2.1 0.6t-0.5 1.9v3.4h5.2l-0.7 5.3h-4.5v13.6h-5.5v-13.6h-4.5v-5.3h4.5v-3.9q0-3.3 1.9-5.2t5-1.8q2.6 0 4.1 0.2z\"\/><\/svg><\/span><\/a><\/li><li class=\"shariff-button mailto shariff-nocustomcolor\" style=\"background-color:#a8a8a8\"><a href=\"mailto:?body=https%3A%2F%2Fwww.zist.de%2Fblog%2F2023%2F11%2F08%2Fdas-eigene-geistige-sein-nelles%2F&subject=DAS%20EIGENE%20GEISTIGE%20SEIN%20%7C%20Nelles\" title=\"Per E-Mail versenden\" aria-label=\"Per E-Mail versenden\" role=\"button\" rel=\"noopener nofollow\" class=\"shariff-link\" style=\"; background-color:#999; color:#fff\"><span class=\"shariff-icon\" style=\"\"><svg width=\"32px\" height=\"20px\" xmlns=\"http:\/\/www.w3.org\/2000\/svg\" viewBox=\"0 0 32 32\"><path fill=\"#999\" d=\"M32 12.7v14.2q0 1.2-0.8 2t-2 0.9h-26.3q-1.2 0-2-0.9t-0.8-2v-14.2q0.8 0.9 1.8 1.6 6.5 4.4 8.9 6.1 1 0.8 1.6 1.2t1.7 0.9 2 0.4h0.1q0.9 0 2-0.4t1.7-0.9 1.6-1.2q3-2.2 8.9-6.1 1-0.7 1.8-1.6zM32 7.4q0 1.4-0.9 2.7t-2.2 2.2q-6.7 4.7-8.4 5.8-0.2 0.1-0.7 0.5t-1 0.7-0.9 0.6-1.1 0.5-0.9 0.2h-0.1q-0.4 0-0.9-0.2t-1.1-0.5-0.9-0.6-1-0.7-0.7-0.5q-1.6-1.1-4.7-3.2t-3.6-2.6q-1.1-0.7-2.1-2t-1-2.5q0-1.4 0.7-2.3t2.1-0.9h26.3q1.2 0 2 0.8t0.9 2z\"\/><\/svg><\/span><\/a><\/li><\/ul><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Eintreten in das eigene geistige Sein Interview mit Dr. Wilfried Nelles und Malte Nelles 2011 entwickelte Dr. Wilfried Nelles ein neuartiges Aufstellungsverfahren, das er Lebensintegrationsprozess (LIP) nennt. 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