Arbeiten, um zu leben oder leben, um zu arbeiten?

Erscheinungsjahr:
2001
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Es ist zweifelsohne notwendig, Zeit und Mühe für unseren Lebensunterhalt aufzuwenden. Die meisten von uns erleben es jedoch als Bürde, dass sie arbeiten müssen, um zu leben. Andererseits erleben manche Menschen spontanen Tatendrang und Schaffensfreude als Ausdruck ihrer Gesundheit und als Motivation zum Einsatz aller Kräfte in der Hingabe an eine sinnvolle Aufgabe.

Für den Psychotherapeuten, der Menschen begleitet, um ihre naturgegebene Neigung zur Selbstheilung mit den Mitteln der Seele zu unterstützen, besteht kein Zweifel, dass Menschen krank werden können an den konditionierten Gewohnheiten, wie sie mit Arbeit umgehen.

Im Folgenden werde ich skizzieren, unter welchen Bedingungen Tatendrang und Schaffensfreude zu einem erfüllten Leben beitragen können oder aber zur Arbeitssucht verkommen und wie diese – wie alle Sucht – früher oder später zu Unzufriedenheit, Überdruss, Erschöpfung, Zerrüttung der Beziehungen, Burnout, psychosomatischer Krankheit und vorzeitigem Ende führen müssen.

Hierarchie der Bedürfnisse
Sigmund Freud und seine Nachfolger beobachteten in der Auseinandersetzung mit Menschen, die aufgrund einer unangemessenen Sozialisierung in Not geraten waren, dass sie ihre Erfahrungen aus den ersten Beziehungen (zu Vater, Mutter, und so weiter) auf die Gegenwart übertragen und durch diese Übertragungen eingeengt sind in Wahrnehmung, Fühlen, Denken und Handeln. Sie sahen, dass Menschen, die Mangel oder Trauma kennen- und aushalten gelernt hatten, es später schwer fanden, Mitmenschlichkeit zu erwarten, zu suchen, wahrzunehmen, anzunehmen und selbst zu entfalten.

Die sich auf Tierexperimente stützenden Behavioristen sahen das Verhalten von Menschen (was nicht gleichzusetzen ist mit menschlichem Verhalten) als das Ergebnis von mehr oder weniger gelungener Konditionierung.

So zutreffend diese Modelle für das konditionierte Säugetier Mensch auch sein mögen, dem amerikanischen Psychologen Abraham Maslow genügten sie nicht als Antwort auf seine Frage nach dem spezifisch Menschlichen am Menschen. Auf der Suche nach einem positiven, das heißt nicht einseitig an Fehlentwicklungen oder an Verhaltensstudien an Tieren orientierten Menschenbild untersuchte er hervorragende, besonders gesunde Exemplare unserer Spezies und fand eine Hierarchie der Bedürfnisse, die den Menschen in Wahrnehmung, Fühlen, Denken und Handeln bestimmen.

An deren Basis sah Maslow jene Bedürfnisse, deren Befriedigung das Überleben sichern. Darauf aufbauend folgten die nach Zuwendung, Zugehörigkeit und Frieden; dann die sozialen, die nach Geselligkeit, Territorium und Status; und schließlich die höheren, die eigentlich menschlichen, die er meta-needs nannte, wohl weil sie jenseits dessen lagen, was die meisten Menschen bewusst bestimmte und weil sie über die zu jener Zeit vorherrschenden Betrachtungen hinausgingen.

Maslows mit den Mitteln wissenschaftlicher Forschung entwickelte Hierarchie der Bedürfnisse scheint in den östlichen Traditionen seit langem erprobt zu sein. Dort findet man in unterschiedlichen Kulturkreisen Variationen des Themas wie die folgende: Gott schläft im Stein, atmet in der Pflanze, träumt im Tier und erwacht im Menschen.

Ich ziehe es vor, mich wegen der Begrenztheit des zur Verfügung stehenden Raumes der metaphorischen Darstellungsweise dieser Tradition zu bedienen, da sie die Stufen eindeutig beim Namen nennt und damit unmittelbar begreifbar ist.

Das Königreich der Steine ist die Realität, die Welt der Sachen (von lat.: res, die Sache). Es gibt Menschen, deren Hauptanliegen scheint die Bestätigung ihres Daseins zu sein. Sie nehmen Raum ein und haben Substanz und Gewicht, sie werden – wie ein Stein – beachtet oder übersehen, doch sie sind sich dessen selten bewusst und reagieren kaum persönlich auf das, was in der Umwelt geschieht. Sie denken vorzugsweise sachlich, atmen wenig, leben am emotionalen Existenzminimum und fühlen sich Sachzwängen unterworfen. Sie brauchen viel Daseinsbestätigung durch Beachtung und haben auch bei sechsstelligen Jahresgehältern Sorge um ihre Existenz. Ihr Grundgefühl ist die Angst vor der Verlassenheit und die Eifersucht. Auf dieser Ebene sind wir identifiziert mit dem materiellen Körper, sind überbesorgt um die Wahrung der Form, reißen uns ständig zusammen und fürchten den Tod als Vernichtung durch Zerfallen. Wir messen die Zeit mit der Uhr und unser Leben an seiner Dauer.

Auf eine ganz andere Weise leben wir im Reich der Pflanzen: deren Welt ist die Wirklichkeit, die Welt der Wirkungen, gekennzeichnet durch Stoffwechsel, Wachstum und Differenzierung. Pflanzen keimen, schlagen Wurzeln und verzweigen sich. Ihr Austausch mit der Umwelt ist der Atem. Sie sind uns ein Bild für Geben und Nehmen, für Blühen, Reifen und Fruchtbarkeit, aber auch für Welken und Vergehen. Ihre Zeit ist der Rhythmus des Pulses und der Jahreszeiten. Auf dieser Stufe fixiert vermeiden wir Aggression und suchen Harmonie. Wir bewegen uns wenig. Wir nehmen teil, greifen aber nicht zu und nicht ein. Wie die Blumen, die aufgehen, wenn die Sonne scheint, und sich verschließen, wenn sie untergeht, sind wir abhängig vom Klima der Umgebung und öffnen uns in freundlicher Atmosphäre, doch bei Spannungen in der Umgebung leiden wir und machen dicht. In dem Maß, in dem wir auf diese Weise klimaabhängig sind, leben wir ein Pflanzenleben – wir vegetieren. Auf dieser Ebene ist unser Hauptanliegen Zugehörigkeit und Harmonie und wir fürchten die Ächtung. Mangels verfügbarer Aggression können wir nicht zugehen auf das, was nährt, weggehen von dem, was schadet, und gegen das angehen, was uns bedroht. Ortsgebunden sind wir angewiesen auf Attraktivität, fürchten am Altern das Welken, wehren uns dagegen durch Jugendlichkeitswahn und erleben das Sterben als Eingehen (wie ein Primeltopf). Das entsprechende Grundgefühl ist die Scham.

Das Königreich der Tiere ist das leidenschaftliche Leben, die Welt von Lust und Leid, von Hunger und Trieb, von Sex, Territorium und Status. Tiere spielen, balzen, kämpfen, jagen, befruchten und empfangen, gebären, bauen Nester, besiedeln Höhlen und kümmern sich um ihre Brut und ihre Herde. Ihre Zeit ist der Schritt oder der Flügelschlag und der Zyklus von Hunger und Verdauung, von Paarung, Geburt und Brutpflege. In unserer Tierseele sind wir motiviert durch Kraft und Leidenschaft. Auf dieser Stufe spielen, schmeicheln, buhlen, leisten, konkurrieren und streiten wir, unterwerfen uns und einander, sichern uns ein Territorium und unseren Lieben ein Heim, und messen uns an Besitz, Status und Einfluss. Wir fürchten die Schwäche und die Einsamkeit. Unser Grundgefühl ist der Neid.

Was bleibt nach alledem als das eigentlich Menschliche?

Das Menschliche am Menschen
Die Welt des Menschen ist das bewusste Dasein, das teilnahmsvolle Leben in Beziehung zu uns selbst und zum ganz anderen. Des Menschen Natur ist Präsenz, Interesse, Stärke, Mut, Wachheit, Stimmigkeit, Wahrnehmung und Liebe zur Wahrheit, Wertschätzung und Selbstwert, Selbstsicherheit, Gewissheit, Mut, Lust am Spiel und am Ausdruck unserer Eigenart, Güte, Lebensfreude, Leidensfähigkeit, Entzücken am Schönen, Staunen über das Wunder des Lebens in seiner Vielfalt, Selbstgefühl und Mitgefühl, Gelassenheit, Beharrlichkeit, Demut, Würde, Freiheit, Autonomie, Authentizität, Entscheidung, Wille und Hingabe, um nur eine kleine Auswahl an spezifisch menschlichen Wesensqualitäten zu nennen. Des Menschen wahre Natur ist die Menschlichkeit.

Der wache Mensch erlebt in der immer neuen Gegenwart die Ewigkeit und misst seine Zeit an durchlebten Ereignissen als Grundlage von Erfahrung. Zentrales Anliegen ist ihm die Teilnahme und die Mitteilung, das Schauen und das Zeigen – die Liebe, in der wir uns selbst und einander erkennen in all unserer primären Bedürftigkeit und in unserem tiefsten Bedürfnis, uns zu entfalten in unserer Menschlichkeit. Menschen lieben das Leben, auch das ganz irdische Leben, und fürchten am Tod nicht das Ende, sondern die Vergeblichkeit. Das entsprechende Grundgefühl ist die Schuld, unser Leben nicht gelebt, sondern nur überlebt zu haben, und die Befürchtung, am Ende nicht sagen zu können, “was ich zu tun hatte, habe ich getan; es ist vollbracht“.

Was den Menschen wohl am meisten von anderen Lebewesen unterscheidet, ist die Fähigkeit zur Sünde (Absonderung): mit seinen Talenten nicht zu wuchern, die Intelligenz zum Beispiel nicht zur Wahrnehmung der wesensgemäßen Eigenart und aktiven Gestaltung eines persönlichen Lebens zu gebrauchen, sondern zur Abwehr phantasierter Gefahren einzusetzen und so an sich selbst vorbei zu leben. So gesehen ist das spezifischste menschliche Bedürfnis das nach Selbsterkenntnis und Selbstverwirklichung. Die Verwirklichung unseres menschlichen Potentials, so Maslow, ist instinkthaftes Bedürfnis und Auftrag zugleich im Sinne eines eingeborenen Gesetzes. Hiermit überwindet Maslow die künstliche Spaltung von Materie und Geist. Seine Forschung zeigt: Geistigkeit ist des Menschen eingeborene Natur.

Je nachdem, in welchem Königreich wir uns aufhalten, haben wir verschiedene Körper. Für den sachlichen Menschen, den versteinerten, ist der Körper nur Materie, weshalb er wie eine Maschine funktionieren soll. Im Pflanzenreich ist der Körper der Organismus mit seinem Stoffwechsel. Als Tiere sind wir Fleisch und Blut und damit konditionierbar – man kann uns etwas beibringen und uns an etwas gewöhnen, woran wir dann festhalten. Als Menschen sind wir, wie Graf Dürckheim sagte, "der Leib, der ich bin” – wir sind selbstbewusst verkörpert.

In dieser Hierarchie der Bedürfnisse löst nicht eine Stufe die andere ab; vielmehr baut eine auf der anderen auf, und zwar um so konsequenter, je gesicherter die Entwicklung in der frühen Zeit war.

Freud hatte geglaubt, Differenzierung sei nur durch Triebunterdrückung zu erreichen. Maslow hingegen beobachtete, dass die Entfaltung des eigentlich Menschlichen aus einem gegebenen Bedürfnis zur Differenzierung heraus um so verlässlicher von selbst geschieht, je selbstverständlicher uns die Befriedigung der Primärbedürfnisse ist, das heißt je breiter die Basis ist, auf der die nächste Stufe aufbaut.

Konditionierung
Als Neugeborene manipulieren wir mit Hilfe unserer uns eingeborenen und weitgehend ausgereiften Emotionen unsere Umwelt mit dem Ziel der Befriedigung unserer artgemäßen Bedürfnisse. Befriedigung wie Frustration werden wiederum emotional geäußert.

Bei Befriedigung der Bedürfnisse gewinnt das Kind mit zunehmendem Alter an Kompetenz und Selbstvertrauen im emotionalen Ausdruck, der ökonomischer und differenzierter wird.
Werden seine Erwartungen nicht erfüllt und die entsprechenden Emotionen durch drohende Vernichtung, Ablehnung, Vernachlässigung, Überforderung, Missachtung und Missbrauch, Manipulation (zum Beispiel durch Lob und Tadel), Einengung, Unterdrückung, Verkennung, Ablenkung, Verführung, Zurückweisung, et cetera beantwortet, dann lernt das Kind zunächst den emotionalen Ausdruck, bald jedoch die Wahrnehmung des Bedürfnisses und schließlich gar den Bedürfnisimpuls selbst durch Anspannung der entsprechenden Muskulatur zu unterdrücken.

Die sogenannten Abwehrmechanismen und der von Freud beschriebene Vorgang der Verdrängung sind also mit Muskelkraft geleistete Arbeit. Um zu bekommen, was sie brauchen, lernen Kinder sich zusammenzureißen, die Nase hoch- und die Luft anzuhalten, die Zähne zu beißen, die Kehle zu verschließen, den Bauch ein- und die Schultern hochzuziehen, die Knie durchzudrücken, das Gesäß zusammenzukneifen, et cetera. Diese Abwehraktivitäten werden im Körper eingefleischt als konditionierte Reflexe, die die Wahrnehmung der Möglichkeiten zum wesensgemäßen Dasein in der Gegenwart einschließlich Bedürfnisbefriedigung, Hinwendung zum anderen und Dienstleistung am Gemeinwohl behindern.

Der Mensch entwickelt sich, wie alle Lebewesen, in Bewegung. Wir bewegen uns in Beziehung zu den Objekten unserer Welt – nach Karen Horney – mit dreierlei Aggression, nämlich auf sie zu, von ihnen weg oder gegen sie; wir nehmen innere Bewegung wahr (Empfinden), äußern sie (Emotion), geben ihr Bedeutung (Fühlen), ordnen sie in vergangene Erfahrung ein (Denken) und geben ihr eine Richtung (Handeln). Wer nun gelernt hat, viel zu halten, bewegt sich entsprechend wenig, spürt, lernt und fühlt wenig, entwickelt wenig Selbstgefühl und ist zur Daseinsbestätigung auf Reflexionen angewiesen. Je mehr sich ein Mensch in einer bestimmten Charakterstruktur verfestigt und je weniger Selbstgefühl er entfaltet, um so mehr wird er versucht sein, die fehlende Selbstwahrnehmung durch ein Gedankengebäude zu ersetzen und sich mit einem abstrakten Selbstbild zu identifizieren, für dessen Bestätigung er auf bestimmte Verhaltensweisen anderer Menschen und definierte Situationen angewiesen bleibt.

Identität und Identifikation
Identität bedeutet Einssein mit sich selbst. Wer in sich selbst ruht und keine Begründungen und Erklärungen braucht für sein Dasein und sein So-Sein; wer sich selbst kennt und immer wieder neu kennenlernt als wandelbares Lebewesen in ständig neuer Beziehung zum im fortwährenden Wandel begriffenen Leben; wer von sich weiß, wer er oder sie ist und danach handelt, ist identisch.

Möglicherweise gibt es eine gewisse Anzahl von Menschen auf der Welt, die durchgehend so eins sind mit sich, dass sie das Wort des Gottes, nach dessen Bild wir geschaffen sind, sagen können: „Ich bin, der ich bin“ – und wissen, was sie tun. Der Rest von uns ist jedoch identifiziert mit dem Ergebnis unserer Konditionierung; mit den Haltemustern, mit deren Hilfe wir das Leben aushalten gelernt haben, statt es bewegt zu leben; mit einem selbstgemachten Selbstbild also (das mehr ist als das Image, das wir bewusst pflegen).

In der Identifikation (von lat. idem, der-, die-, dasselbe, und facere, machen) sind wir nicht mehr Geschöpfe, geschaffen nach dem Bilde Gottes, sondern buchstäblich self-made men, stilisiert nach unseren vermeintlich eigenen Vorstellungen, die wir in Nachahmung von anderen oder als Reaktion auf die Vorstellungen anderer entwickelt haben.

Die einzelnen Identifikationen entsprechen Bereich und Stufe unserer Fixierung. Auf der sachlichen Stufe sind wir identifiziert mit allem, was Dasein bestätigt und sichert: Beachtung in jeder Form und Sachen – Geld, Schmuck, Konten, Autos.

Haben Sie schon einmal jemandem eine markstückgroße Delle in die Stoßstange seines Mittelklassewagens gefahren und erlebt, wie der reagierte, als ginge es um sein Leben? Haben Sie schon einmal erlebt, wie eine Frau im Auto, dessen Seite Sie beim Öffnen Ihrer Tür leicht berührt haben, reagiert hat, als wären Sie ihr zu nahe getreten?), und so weiter. Auf der vegetabilen Ebene sind wir identifiziert mit sicherem Boden, Standort; Nähe, Nachbarschaft, Zugehörigkeit, Heimat; geregeltem Ausgleich von Geben und Nehmen, Wachstum, und so weiter. Die animalische Seele sorgt sich um Wettbewerb, Märkte, Statussymbole und Blickfang, Vorräte, Heim, Nachwuchs, und so weiter.

Doch auch auf der menschlichen Ebene können wir uns durch Identifikation mit bestimmten Stufen behindern, wie zum Beispiel jene Süchtigen, die sich mit größter Anstrengung aus dem Sumpf ihrer Abhängigkeit auf den ersten Stein am Ufer gerettet haben und dort für den Rest ihrer Tage verharren in der Pose: "Ich hab's geschafft!"

Durch die Identifikation können wir also auf einer bestimmten Stufe verharren und uns an weiterer Entfaltung unserer Menschlichkeit hindern – wie Mullah Nasrudin, der seinen Teppich weit unter Wert verkaufte, weil er nicht weiter als bis 100 zählen gelernt hatte.

Unser menschliches Bedürfnis ist es, eine Person zu werden, ein Mensch, durch den das wesentlich Menschliche hindurchtönt (lat. personare). Durch die Identifikation werden wir eine Persönlichkeit, das ist jemand, der etwas darstellt, ein Darsteller also, der wie in der Charakterisierung Shakespeares durch den argentinischen Dichter Jorge Luis Borges „so tut, als wäre er ein anderer, vor einer Ansammlung von Leuten, die so tun, als hielten sie ihn für jenen anderen.“

Für diese Darstellung brauchen wir zu unserer Identifikation eine Vielzahl von Attributen (Attachments, zu deutsch Angeheftetes), die menschlich unwesentlich, aber für die Identifikation wichtig sind: Bankkonto und Reiseziel, Wohngegend und Wohnungseinrichtung, Stereoanlage; ein bestimmtes Auto – oder aber gerade keines; attraktive Ehefrau oder leistungsstarken Ehemann; Territorium, Rang, Status und Einfluss; Gesten, Gehabe und Rituale; Denk- und Fühl-Gewohnheiten in Wahrnehmung, Fühlen, Denken und Handeln; Krawatte oder Irokesenschnitt, Sportabzeichen, Rotariernadel oder Fan-Club-Schal, und so weiter – und Arbeit.

Arbeit
Das Konzept von der Arbeit ist eine Erfindung der Zivilisation. In vielen alten Kulturen hatten die Menschen kein Wort für Arbeit, denn sie haben nicht gearbeitet im heutigen Wortsinn; sie haben vielmehr das Notwendige getan.

Das Notwendige ist das, was eine Not wendet. Es war notwendig, Hütten zu bauen, Pflugscharen oder Schwerter zu schmieden, den Acker zu bestellen und zu ernten, zu kochen, eine Behausung sauber zu halten, Bekleidung zu nähen, sich in der Gemeinschaft zu beraten, zu führen, zu regieren, gelegentlich Krieg zu führen und einen Frieden auszuhandeln.

Da alle diese Tätigkeiten der Befriedigung von wesensgemäßen Bedürfnissen dienen, erscheinen sie zutiefst sinnvoll.

Im Gegensatz dazu wird es in der Zivilisation immer schwerer, einen sinnvollen Zusammenhang herzustellen zwischen dem jeweiligen Tun, das wir 'Arbeit' nennen, und einem das Tun notwendig machenden menschlichen Bedürfnis.

Die Menschen, die im Schweiße ihres Angesichts ihren Acker bestellten, erlebten vermutlich Identitätskrisen seltener als wir. Sie erfuhren mit jedem Schritt, jedem Atemzug und jeder Handhabung, wer sie waren, und mit allen Sinnen, dass ihr Tun Sinn machte. Wenn ich hingegen am Computer sitze und an elektronischer Post arbeite, erfahre ich die Sinnhaftigkeit meines Tuns nicht unmittelbar, sondern muss mir Gedanken machen, um mich davon zu überzeugen, dass das – meist – Zweckmäßige auch Sinn macht.

Bedürfnis und Bedarf
An der Wurzel unserer Entfremdung von unserer wahren Natur, vom Wesen des Lebewesens, das wir sind, liegt die Identifikation mit etwas, das wir nicht sind. So versuchen wir nicht nur zu sein, wer wir nicht sind – nach LeShan der Inbegriff der Hoffnungslosigkeit – sondern verwechseln auch künstlich geweckten Bedarf mit wesentlichen Bedürfnissen (die Unterhaltung durch die Medien mit dem Gespräch, das Statussymbol Auto mit dem Ansehen, die Wertgegenstände mit natürlichem Selbstwert) und unsere Selbstdarstellung mit uns selbst.

So nehmen wir, wenn wir den Zugang zur Stille verloren haben, Beruhigungsmittel; wir vertilgen Unmengen an Zucker in Kaffee, Kuchen, Schokoriegel und Limonade, wenn wir zu lange nicht mehr mit dem süßen Gefühl aufgewacht sind, lebendig zu sein; wir ärgern uns als Ersatz für den Verlust des Gefühls von Stärke; werden wehleidig und sentimental, wenn unser Mitgefühl für uns selbst und andere verschüttet ist, handeln eigenmächtig statt autonom, das heißt gemäß unserer wahren Natur; und suchen Sex, wenn es uns eigentlich an Berührung, Nähe, Halt und Sicherheit mangelt – und an Beachtung.

Beachtung und Anerkennung
Beachtung ist ein Grundbedürfnis, so dringend wie das nach Wasser oder nach Vitamin C. Wir brauchen Beachtung zur Daseinsbestätigung, und solange wir nicht lernen, unsere Anwesenheit in der Gegenwart bewusst zu beachten, bleiben wir angewiesen auf die Spiegelung durch andere.

Auch das Bedürfnis nach Anerkennung ist ein Grundbedürfnis wie das nach Beachtung. Doch während Beachtung unser Dasein würdigt, meint Anerkennung das Produkt. (Folgende alltägliche Geschichte mag den Sachverhalt verdeutlichen: Der einjährige Sohnemann kräht erleichtert vom Badezimmer aus nach der Mutter; er will sie sehen und gesehen werden. Die kommt, beugt sich, statt sich über den Sohn zu freuen, über das Töpfchen und ruft entzückt: "Was für ein schöner Haufen!" Sie würdigt das Produkt des Kindes, nicht seine Anwesenheit, und das Kind lernt, statt sich des geschenkten Daseins mit anderen (der Mutter) zu freuen, seine Daseinsberechtigung durch Produktion – meist von etwas Überflüssigem – zu verdienen.)

Nur wenigen von uns ist bewusst, dass wir Beachtung brauchen; das Bedürfnis nach Anerkennung ist jedoch den meisten eher vertraut. So versuchen viele von uns, den unbewussten Mangel an Beachtung unseres Daseins durch Anerkennung für unsere Produkte zu ersetzen.

Identifikation mit Arbeit
Durch nichts können wir so viel Anerkennung erwirken wie durch Leistung bei der Arbeit. Nur wenige kennen die Erfüllung durch Hingabe an ein sinnvolles Tun, vielmehr sind wir fast alle identifiziert mit Arbeit an und für sich.

Die Selbstdefinition über die Arbeit entspricht einem gesamtgesellschaftlichen Konsens, dass nur wer arbeitet, ein wertvolles Mitglied der Gemeinschaft ist. Wir werden gemessen an unserer Arbeit und beziehen daraus unsere Wertschätzung, und wenn wir nicht mehr arbeiten können, dann zählen wir zu den "Ballastexistenzen, die sozialverträglich entsorgt werden müssen", wie ein namhafter Vertreter der Ärzteschaft kürzlich ungestraft öffentlich sagen konnte.

Die Wertbestimmung von Personen über die Arbeit ist besonders zynisch; denn da unser Fortschritt unter anderem dazu dient, die notwendige Arbeit zu minimieren, gibt es immer weniger Arbeit.

Ohne die Möglichkeit, uns über Arbeit zu definieren, kennen wir uns nicht mehr und kennen uns nicht mehr aus. So führt denn auch die Berentung und vor allem die Arbeitslosigkeit, die ein Zwilling des Fortschritts ist, häufig zu Identitätskrisen.

Arbeitssucht
Es ist völlig in Ordnung, viel zu verdienen, gut zu wohnen, zu essen und zu trinken, Auto zu fahren, Spaß am Wettbewerb zu haben, sich der Liebe hinzugeben, Freude in der Arbeit zu finden, und so weiter.

Wenn wir jedoch mit Muskelkraft festhalten an unseren Bildern, dass wir ohne all die Sachen und Aktivitäten, die unser Selbstbild sichern, nicht leben können; wenn wir uns mit alledem identifizieren, was wir haben, denken, fühlen und tun, dann versäumen wir, weiterzugehen in unserer Entwicklung. Dann nehmen wir das feinere, biologisch weniger drängende, doch zutiefst menschliche Bedürfnis nach Erkenntnis unseres Wesens, unserer menschlichen Natur nicht wahr. Das Bedürfnis nach Selbsterkenntnis und Verwirklichung des Potentials zum ganzen Menschen bleibt unerfüllt.

So erleben wir dort, wo wir bei entsprechend interessierter Selbstbeachtung eine schier unendliche Vielfalt an spezifisch menschlichen Qualitäten finden könnten, nur Leere. Gelegentlich erleben wir sie noch als unerklärliche Sehnsucht, doch um so schneller werden wir getrieben, sie mit Ersatz zu füllen.

Sucht ist der vergebliche Versuch, ein wesentliches Bedürfnis durch Ersatz zu stillen. So ist Arbeitssucht unter anderem der vergebliche Versuch, das Bedürfnis nach Beachtung unseres Daseins durch Anerkennung für Leistung, den Verlust des Gefühls für primäre Stärke durch Bewunderung für Tüchtigkeit, unsere nicht gewürdigte einzigartige Eigenart als Geschöpf durch Besonderheit, und so weiter zu stillen und jemand zu sein, der wir nicht sind.

Arbeitssucht ist eine Sucht wie jede andere, indem sie über kurz oder lang zu Zerrüttung der Beziehungen, Ausbrennen und psychosomatischer Erkrankung führt.

Maslow sagte voraus, dass die Frustration der höheren Bedürfnisse, der meta-needs zu einer Meta-Pathologie führen würde mit den Symptomen Materialismus, Langeweile, Überdruss, Zynismus und Sinnlosigkeit. Klinische Beobachtung kann die Vorhersage bestätigen und findet außerdem die Symptome 'normale Depression' und 'spirituelle Verzweiflung'. Wenn ich Krebskranke frage, warum sie nicht sterben wollen, antworten viele, weil sie noch nicht gelebt haben.

Der Konflikt zwischen der Sicherheit in vertrauter, normentreuer Ordnung (dem Überleben) und dem Bedürfnis nach wesensgemäßer Entfaltung (nach persönlichem Leben) wird, wie jeder andere psychodynamische Konflikt durch spezifische Krisen aktualisiert. Wenn wir uns denen nicht auf der seelischen Ebene stellen, tragen wir sie auf der körperlichen Ebene in Form von Erkrankungen aus.

Das Notwendige
In dieser Situation scheint es angemessen, das Notwendige zu tun: Nach innen zu schauen und wahrzunehmen, zu welcher Lösung uns das Leid drängt, in Richtung welcher vernachlässigter Wesensqualität das körperliche Symptom ein Wegweiser sein und für welchen persönlichen Raum es ein Schlüssel sein könnte.

Selbsterfahrung ist die Möglichkeit, sich – zunächst vorzugsweise in Begleitung von Menschen, die das Gelände kennen – die Gefangenschaft im Käfig der Gewohnheiten wahrnehmen zu lassen und sich auf den mühsamen Weg zu sich selbst und zur Selbstverständlichkeit des Seins zu machen.

 

Mulla Nasrudin plagte der Hunger, doch es war ihm das Geld ausgegangen. Da ging er auf seinen Speicher und schaute, ob sich dort nicht etwas finden ließe, das man zu Geld machen könnte. Er fand einen alten Teppich, klopfte ihn aus, fand ihn ganz ansehnlich und brauchbar, trug ihn zu Markte und bot ihn für 100 Dinar feil. Als sein Nachbar Wali vorbeikam und fragte: „Mulla, seid Ihr von Sinnen? Dieses kostbare Stück, dieses einmalige Exempel unserer Webkunst, diesen Höhepunkt unserer Kultur für einen solchen Spottpreis zu verschleudern?“, fragte Nasrudin zurück: „Wieso? Gibt es eine Zahl größer als 100?“


Mulla Nasrudin wurde auf seiner pflichtgemäßen Reise nach Mekka von seinem Freund Wali begleitet. Sie übernachteten in eine Karawanserei. Nasrudin legte sich allerdings nur ungern schlafen, denn er war besorgt, er könne im Dunkel der Nacht verloren gehen. Doch als kinderlieber Mensch hatte er immer ein paar Luftballons in der Tasche. Er blies einen auf und band ihn mit einem Schnürsenkel an einen seiner großen Zehen. Er schlief beruhigt ein, denn er würde sich am nächsten Morgen an diesem Attachment wieder erkennen. Wali, nie um einen Scherz verlegen, wartete, bis der Mulla schnarchte, band ihm den Ballon vom Fuß und sich selbst an den seinen und legte sich voller Vor-
freude schlafen. Sobald der Tag anbrach, rüttelte ihn Nasrudin,
der sich ohne Luftballon nicht wiedererkannte, und sagte in Panik:
"Heh Du, Freund, wenn Du ich bist, wer bin dann ich?"